Wanderung

Wie entsteht eine Idee?

Das Jahr 2006 näherte sich seinem Ende, die Tage waren dunkel und kurz. Vorweihnachtszeit.

Ich hatte gerade eine Kur in Bad Gastein hinter mir. Der Rücken machte arge Probleme. Dort, im schönen Österreich, hatte ich Spaß am Wandern gefunden. Zum Kurprogramm gehörte auch ein Nordic Walking Kurs. Vorher hatte ich mich insgeheim lustig über   vorwiegend ältere Menschen gemacht, die mit Skistöcken durch die Landschaft pilgerten. Das sah einfach zu dämlich aus. Aber mit einer professionellen Einführung in die Geheimnisse des richtigen Laufens schwanden die Vorurteile schnell. Diese Art zu laufen machte richtig Spaß! Das frisch Erlernte wollte ich, ungeachtet meiner miserablen Kondition, natürlich sofort an den kurfreien Tagen bei Exkursionen in die umliegende Bergwelt ausprobieren.

Mein erster Weg zu einer Alm war ab Ortsmitte Hofgastein, wo ich logierte, fantastisch ausgeschildert, mit der Zeitangabe von zweieinhalb Stunden. Genau das Richtige für den Anfang, dachte ich mir leichten Sinnes. Ordentlich ansteigend führte der schmale Wanderpfad vorbei an Bach und rauschendem Wasserfall aus dem Dorf heraus. Kurz gesagt, ich pustete schon heftig und hatte das erste T-Shirt durchgeschwitzt als ich eine dreiviertel Stunde später am Annencafe ankam, hoch über dem Dorf gelegen und mit einer schönen Aussicht auf Selbiges.

Der kunsthandwerklich wertvolle Wegweiser am Cafe zeigte immer noch exakt zweieinhalb Stunden an und in mir keimten Zweifel, ob die Österreicher den Weg tatsächlich mit der Stoppuhr gemessen hatten. Aber da ich noch guter Dinge war, Getränke, Butterbrote, Müsliriegel, Apfel und auch ein trockenes Shirt dabei hatte, war ich weit davon entfernt mir unnötige Gedanken zu machen.

Nach kurzer Pause machte ich mich weiter an den Aufstieg. Und der zog sich lang und länger,  auf gewundenen Pfaden bergauf.

Das nasse Hemd trocknete, am kleinen Lederrucksack baumelnd, in der milden Herbstsonne. Schneller aber schwitzte ich das trockene wieder durch.

Das nächste Schild zeigte noch anderthalb Stunden bis zum Ziel. Ich war aber schon weit über zwei Stunden unterwegs. Irgendetwas stimmte nicht im Staate Österreich. Vielleicht hatte die Stunde hier hundert Minuten?

Allmählich fing ich an, jede Zigarette zu verfluchen die ich je  geraucht hatte, ich pfiff aus dem letzten Loch. Während mehrerer kleiner Stopps hatte ich meine Vorräte fast aufgebraucht. Und dann kam an einer besonders steilen Steigung das, was der erfahrene Wanderer ( wie ich jetzt gelernt habe ) den Hungerast nennt. Schwindel, der Kreislauf spielt verrückt und man fängt an, sich die Lieben zu hause zu denken. Stell dir vor, hört man einer fiktiven Unterhaltung zu, da fährt der in Kur und kriegt dort einen Herzinfarkt, mit einundfünfzig, ist ja auch noch kein Alter.

Der letzte Müsliriegel und ein Apfel retteten mir das Leben, irgendwann konnte ich langsam weitergehen und gelangte nach über fünf Stunden völlig erschöpft zur Almhütte. Mir taten sich zwei Möglichkeiten auf. Entweder waren die Österreicher verrückt oder ich war in einer bescheidenen Verfassung. Ich entschied mich, beides anzunehmen.

Trotzdem hatte ich mich irgendwie mit dem Wandervirus infiziert. Ich machte noch ein paar schöne Touren rund um das Gasteiner Tal, bei herrlichstem Herbstwetter. Morgens ging ich bei minus vier Grad los und Mittags ruhte ich mich bei über zwanzig Grad auf einer sonnenüberfluteten Almwiese aus.  Über den Diskman hörte ich die wunderschön melancholische, an alte Hippiezeiten erinnernde Musik der norwegischen Band Madrugada, und fühlte mich frei und glücklich…

Abnehmen wurde in der letzten Zeit zum Thema bei uns zu Hause. Über zehn Kilo hatten meine Freundin Susanne und ich in den letzten zwei Jahren zugelegt. Wohlgesagt, jeder von uns.

Zwar hatte ich während der Kur um die vier Kilo abgespeckt, aber im Dezember peilte der Zeiger schon wieder die neunzig an. Diese für mich unvorstellbare Zahl war auf einmal ganz nah.

Im Geiste war ich nur mal kurz weggerutscht von den fünfundsiebzig Kilo, bei denen ich mich wohl fühlte.

Auf einmal merkt man, daß man sich schon Jahre lang belügt. Längst hat sich das Zuviel manifestiert.

Und nicht einmal die spitzen Bemerkungen sind noch peinlich. Vor ein paar Jahren hatte ich ein „Oh, du hast dir aber auch ein hübsches Bäuchlein zugelegt !“ noch mit verlegenem Schlucken kommentiert.

Wie gesagt, es war ein Spitzenthema bei uns. In Susannes Sprüche-Hitliste stand unangefochten an erster Stelle: “ Ab Montag ess ich nichts mehr !“ Ich wies lieber darauf hin, daß ich in der nächsten Woche mit Sport anfangen würde, wenn nichts dazwischen käme.

Es kam aber immer was dazwischen, und jetzt auch noch Weihnachten und Sylvester mit Daueressen, Abhängen und Feiern. Gepflegte Langeweile regierte auch ansonsten. Einmal in der Woche mit Max oder Friedel oder beiden ins Kino, Am Wochenende mit befreundeten Pärchen in die Kneipe „um die Ecke“, wo übrigens miserable Musik gespielt wird. Und einmal die Woche den Rausch ausschlafen, den man sich natürlich nur aus Frust über die schlechte Musik eingefangen hatte. Irgendetwas musste dringend geschehen…

Mallorca war bis vor drei Jahren meine Heimat. Spontan hatten meine Exfrau Claudia und ich 1989 im Urlaub beschlossen, dort eine Finca zu kaufen. Leisten konnten wir uns damals nur ein immerhin 11000 m2 großes Grundstück mit einer halb verfallenen Ziegenhütte, einer alten Wasserzisterne, vielen Mandelbäumen und noch mehr Wildnis. Mein Vater, der auch Geld  für den Kauf zusteuerte, drängte darauf, Fotos von Grundstück und „Haus“ zu sehen. Ich konnte das ein halbes Jahr mit allen möglichen Ausreden hinauszögern um schlußendlich doch für „jetzt aber endlich völlig verrückt geworden“ erklärt zu werden.

Gegen Ende des Jahres 1991 hielt mich nichts mehr in Deutschland. Ich hatte inzwischen jede freie Minute und jede Mark in den Hausbau gesteckt. Mein kleines Fotostudio in Mülheim hatte ich verkauft und ausgerechnet, daß ich mit dem Geld gut zwei Jahre durchhalten müßte. In der Zeit wollte ich aus der Hütte ein bewohnbares Haus machen. Ich lernte Mauern, Verputzen, Schreinern und das Installieren von Solaranlagen.

Das Leben auf der Finca war prima. Ich lernte nette Leute kennen, von denen einige zu guten Freunden wurden. Das Haus wurde bewohnbarer, das Geld ging exakt nach zwei Jahren zu Neige. Die Freunde blieben. Unter uns Exil Deutschen gab es eine wunderbare Solidarität, wie ich sie noch nie und nie wieder erlebt hatte.

Irgendwie mußte ich meinen Lebensunterhalt verdienen. Es folgten fruchtlose Experimente im Bereich Kunst und Postkarten. Und Statistendasein für deutsche Fernsehfilme, die deutsche Regisseure allein schon wegen des angenehmen Ambiente gern auf Mallorca drehten. Immerhin gab es hundert Mark pro Drehtag. Meist saßen die Mitstatisten und ich fünf Stunden herum,  wir tranken San Miguel, rauchten eine nach der anderen und debattierten über die Möglichkeiten, die uns die Insel noch bieten könnte, während wir auf unseren großen Auftritt warteten. In den folgenden Jahren hatte ich das Glück des Tüchtigen, wurde der „Inselfotograf“ mit Aufträgen ,von denen ich früher nur träumen konnte.

Alle Träume haben ein Ende. Meiner endete paradoxer Weise mit einem eigentlich freudigen Ereignis. Meine Tochter Sophia wurde geboren. Sie, oder besser ihre, dezent ausgedrückt, schwierige Mutter veranlaßte mich, alles auf dieser wunderschönen Insel aufzugeben und mich wieder in Mülheim anzusiedeln, wo ich jetzt alle zwei Wochen wenigsten Wochenendpapa sein darf.

Mit Mallorca aber bin ich nicht fertig. Nachts bin ich oft da. Mal stehe ich stotternd auf dem Dorfplatz und habe mein Spanisch verlernt. Mal mischt sich die Insel mit Mülheim zu einem beängstigenden Ort.

Auf jeden Fall sind die zwölf Jahre, die ich dort intensiv leben durfte, lange nicht vergessen. Ich hatte unter der mallorquinischen Sonne, das steht fest, meine besten Jahre. Und ein unsichtbares Band zieht mich dort hin…

Fliegen ist natürlich super bequem, um schnell von einem Ort zum anderen zu kommen. Und ich bin oft geflogen, speziell in diesen zwölf Mallorca Jahren. Das mulmige Gefühl hat mich aber nie verlassen, lieber bleibe ich auf dem Erdboden. Reisen mit dem Schiff ist auch ok, ich kann ja schwimmen, falls das Ding untergeht. Aber fliegen! Da stößt man doch an seine Grenzen. Ich habe meistens versucht diese Grenzen mit zwei, drei Schnäpschen in der Abflughalle zu verschieben. Und einen Fensterplatz muß ich im Flugzeug haben, das lenkt ab.

Da kann man einfach nach draußen in die Unendlichkeit starren und die Gedanken über die Wolken und die kleiner werdende Welt fließen lassen. Irgendwann wird man von einer freundlichen Stewardes in den Betrachtungen unterbrochen. Man bekommt einen kleinen Snack serviert. Auf den Bildschirmen über den Sitzreihen kämpft Mr. Bean mit den Tücken eines Waschsalons, schon leuchten die Anschnallzeichen wieder auf, der Sinkflug wird eingeleitet, vor der Landung ruckelts noch einmal gefährlich, Schweiß bildet sich in den Handinnenflächen. Ich kralle mich noch einmal fest in die Sitzlehne. Und zack, ist man nach zwei Stunden Flug wie immer sicher auf der Insel gelandet.

Entfernung ist keine Frage mehr von Kilometern, Entfernung wird in Zeit gemessen. Wer weiß schon wie viele Kilometer es nach New York sind? Aber das man ungefähr sieben Stunden mit dem Flugzeug braucht ist bekannt. Von Düsseldorf nach Berlin etwa eine, zu den Kanaren fünf Stunden. Die große Welt ist klein, schnell und überschaubar geworden.

Wie wäre es wohl, diesen Trend umzukehren? Sich den Luxus der Langsamkeit zu leisten und aus eigener Kraft zu reisen. Sonne, Wind und Regen zu spüren, blühende Felder zu riechen, den Menschen zu begegnen, die fast unmerkliche  Veränderung der Landschaft zu erleben…

Weihnachten stand also vor der Tür. Zeit für Geschenke. Da Susanne ein grosser Fan von Hape Kerkeling ist, stöberte ich im Internet herum, stieß auf Hapes Bestseller und bestellte ihn prompt. Der Titel „Ich bin dann mal weg“ löste in meinem Unterbewußtsein eine mächtige Schockwelle aus, so eine Art Vorbeben. Man spürt, da kommt etwas ganz mächtig, kann sich jedoch noch nicht so richtig vorstellen was und wie. Ich wußte ja, das Buch handelt vom Wandern. Und zwar vom Wandern langer Strecken.

In meinem Kopf setzte sich ein Puzzle zusammen: Teil eins war der Spaß am Wandern. den ich in der Kur entdeckt hatte, Teil zwei die nervende Monotonie des Alltags, das dritte Teilchen bestand aus latenter Midlife Crisis mit dazugehörigen Begleiterscheinungen wie Fettansatz, beginnender Kurzatmigkeit und ähnlichen unerfreulichen Körperreaktionen. Als Teil vier fügte sich meine jäh unterbrochene Liebe zu Mallorca ein. Das Bild nahm langsam Formen an. Die Neugier, Zeit und Entfernung mal ganz anders zu erfahren, kam noch hinzu und natürlich Hapes Satz, mal eben weg zu sein.

Irgendwann um Heiligabend hatte ich auf einmal die Idee meiner Mallorca Wanderung im Kopf. Man kann sich ja nie erinnern, wann genau eine Idee oder ein Gedanke konkret wurde. Man muß sich diesen Prozess eher so vorstellen wie das Aufsteigen einer Blase, die sich vom  tiefen, dunklen  Grund eines Sees löst und unbemerkt zur Oberfläche schlingert. Dort angekommen macht es kurz „plöpp“, und schon ist der Inhalt des ehemaligen Bläschens in seinem Element.

Ja, so machte es „plöpp“ und ich wußte auf einmal, ich würde nach Mallorca laufen. Oder besser ausgedrückt: bis Barcelona und dann mit dem Schiff übersetzen, um gleich dem überaus witzigen Kannst-du-jetzt-schon- übers-Wasser-laufen-?-Reflex vorzubeugen. Das mußte ich mir von jedem zweiten anhören, dem ich von der Wanderung erzählte. Dazu drängt sich mir schon wieder ein Zitat ausgerechnet von Hape Kerkeling auf: „Witzigkeit kennt keine Grenzen, Witzigkeit kennt kein Pardon…“

Jetzt stand ich also erst einmal allein da mit meiner brandneuen Idee. Zuerst habe ich gedacht, mir wäre da wieder etwas ziemlich Beklopptes eingefallen und habe mich nicht getraut,  irgend jemanden auch nur ein Sterbenswörtchen davon zu erzählen.

Die Sylvesternacht verbrachten wir auf einer Art Ranch im Ratinger Wald. Es war eine feucht- fröhliche Feier, Bier und Whisky erfreuten sich allgemeiner Beliebtheit. Um Mitternacht, während des obligatorischen Feuerwerks, versuchten einige Freizeit-Cowboys sich mit antiken Vorderladern und lautem Getöse in die ewigen Jagdgründe zu schicken. Und ich hatte nach dem vierzehnten Whisky Cola sozusagen mein Coming Out. Ich lallte dem Scheunenpeter, wie ein alter Freund von Susanne genannt wird, meinen verwegenen Plan ins Ohr. Er brummte durch seinen strubbeligen Vollbart etwas von „geiler Idee“ und „würd ich auch machen, wenn ich Zeit hätte“ zurück. Über den Rest der Unterhaltung haben sich die Nebel des Vergessens gesenkt, aber ich bin mir sicher, er hatte mich nicht für verrückt erklärt.

Eine Woche später erzählte ich dann Susanne von meinem Vorhaben. Ich wußte nicht wie sie reagieren würde, da die Wanderung eine längere Trennung mit sich brächte. Aber sie nahm die Idee von der Fußreise nach anfänglicher Verwunderung durchaus positiv auf. Auch mein Vater, der schon einige kuriose Anwandlungen meinerseits tapfer ertragen hatte, zeigte sofort lebhaftes Interesse und versorgte mich sogar mit Kartenmaterial. In den nächsten Tagen erfuhr ich von Freunden und Bekannten unumwunden Zustimmung für mein Vorhaben. Das machte Mut.

Ich rief meinen Freund Wolfram Seifert, Chef vom Mallorca Magazin, an. Er fand die Geschichte interessant und sagte einer wöchentlichen Berichterstattung während der Reise zu…