Tag 8: Malmedy – Vielsalm

Tag 8:  Malmedy bis Vielsalm   –   24. April 2007

 

Um acht Uhr verließ ich heute das Hotel. Am blaßblauen Himmel zogen ein paar hohe Wölkchen, die Luft war angenehm kühl. Direkt nach Malmedy Richtung Bellevaux ging es schon recht kräftig bergauf. Die Gegend erinnerte mich an das Sauerland, grüne Hügel soweit das Auge sehen kann.

 

Vier Grazien ( bei genauer Betrachtung )

Vier Grazien ( bei genauer Betrachtung )

Als ich auf der Kuppe des ersten Berges angekommen war und ich so über die Landschaft schaute, erfaßte mich ein Gefühl von Freiheit. Hier durch diese schöne Landschaft laufen an einem herrlichen Frühlingsmorgen, das fühlte sich an wie „Easy Rider“ ohne Moped. Die Kastanien fingen an zu blühen und die Wiesen leuchten gelb und weiß. Ich dachte an die Bücher von Herrmann Hesse, die ich in meiner Jugend verschlungen hatte. So wie er müßte man die Natur beschreiben können!

Freiheit!

Freiheit!

Wieder im Tal angekommen spürte ich eine neue Blase wachsen, zur Abwechslung mal wieder am rechten Fuß. Ich wollte mich heute davon gar nicht beeindrucken lassen. Ich suchte mir eine geeignete Sitzgelegenheit auf einem Stein, der vor einem Kreuz am Straßenrand stand, zog mir den Schuh aus und stellte den Fuß ins kühle Gras. Man kann sich kaum vorstellen, wie gut das tat. Dann holte ich ein Geelpflaster aus dem Rucksack und klebte es auf die schmerzende Stelle.

Im Frühtau...

Im Frühtau...

 

Es ging nun wieder bergauf, dann über eine Autobahnbrücke in ein winziges Dörfchen. Hier mußte laut Karte ein Waldweg beginnen. Ich fand den Einstieg und folgte dem Karrenweg aufwärts. Ein paar Hundert Meter weiter versuchten drei Männer mit Traktor eine Wiese urbar zu machen. Das sollten für die nächsten Stunden die letzten Menschen gewesen sein, die ich traf.

Es machte Spaß durch den Wald zu laufen, dichte dunkle Abschnitte mit hohen Tannen wechselten sich ab mit lichterem Bewuchs. Es ging ständig auf und ab. Das hatte bei meiner Planung auf „Google Earth“ gar nicht so wild ausgesehen. Hier wurde viel Holz geschlagen, immer wieder kam ich an großen Stapeln vorbei. Am Rande einer gerodeten Lichtung sah ich eine Cowboy-Skulptur stehen. Die mußte ich fotografieren. Ich kam näher und sah, daß sie wohl das Werk eines lustigen Holzhackerbuben war, denn sie war grob mit einer Kettensäge aus einem Baumstumpf modeliert. Kunst für die Eichhörnchen und Wildschweine!

Kunst für die Wildschweine

Kunst für die Wildschweine

 

Auf dem Waldboden ließ sich viel besser laufen als auf Asphalt und so hatte ich die neue Blase schnell vergessen. Immer tiefer ging es in den Wald hinein, der Weg wurde undeutlicher und irgendwann war er nicht mehr da. Natürlich hatte ich keine Lust, das ganze Stück zurück zu laufen. Die Tannen standen weit auseinander, auf dem Boden konnte man gut gehen, ich entschloß mich, die Richtung beizubehalten.Nach kurzer Zeit fand ich einen Trampelpfad der mich wieder auf einen Karrenweg führte. Nach mehreren Abzweigungen wußte ich nicht mehr, ob ich öfter nach Osten oder nach Westen gelaufen war, hatte aber immer noch ein gutes Gefühl. Ich versuchte möglichst in Richtung Sonne zu laufen, es war Mittag und Süden war meine Richtung.

 

Der Tisch ist gedeckt.

Der Tisch ist gedeckt.

Nach einem steilen Abstieg an einem Hochstand vorbei war der Weg wieder zu Ende. Jetzt kamen ungute Gefühle in mir auf. Ich mußte einsehen, daß ich mich in diesen Riesenwald verirrt hatte. Wieder schlug ich mich durch ein wegloses Stück Wald. Diesmal war es aber eng bewachsen so das ich schon mit meinem Gepäck hängen blieb. Außerdem wurde der Boden immer feuchter. Hier würden sich bestimmt Wildschweine wohlfühlen. Mir wurde ein wenig klamm ums Herz und ich sah mich schon von einem wütenden Keiler zerfleischt im Morast liegen. Nicht weit weg murmelte ein Bächlein. Ich stolperte durchs Unterholz dem Geräusch entgegen. Auf der anderen Seite des Baches war wieder, etwas höher gelegen, Tannenwald.

Und am Waldsaum schien ein Weg zu sein. Da mußte ich hin! An beiden Seiten des Baches war es regelrecht sumpfig. Ich versuchte auf die Köpfe von großen Grasbüscheln zu treten, den dazwischen war Matsch. Mit meinen Wanderstöcken stützte ich mich ab und tastete den Weg ab. Einmal versank ein Stock mir nichts dir nichts dreisig Zentimeter im Modder. Ich versprach gerade einem imaginären Begleiter, so was auf dieser Reise nicht mehr zu machen.  Ich wollte jetzt nur noch aus dem Wald raus und war gespannt wo ich auskommen würde. Nach einer halben Stunde sah ich das erste Haus, von da ging es auf eine kleine Straße und die führte zu einer Bundesstraße.

So hängen alle Wege, vom schmalsten Trampelpfad bis zur sechsspurigen Autobahn miteinander zusammen. Ich erreichte das Dorf Recht , in dem übrigens wieder deutsch gesprochen wurde, was bei dem Namen ja auch kein Wunder ist. Und ich sah, daß ich einen schönen Halbkreis gelaufen und viel zu weit östlich ausgekommen war.

In Recht wird deutsch gesprochen.

In Recht wird deutsch gesprochen.

 

 Die dreizehn Kilometer bis Vielsalm ging ich vorsichtshalber an einer Nationalstraße lang. Zum Glück schob sich ab und zu eine gnädige Wolke vor die Sonne und so kam ich spätnachmittags in Vielsalm an.

Jetzt mußte ich noch ein Hotel finden. Ich sah an einer Straßenecke in Schild „Hotel de ville“. Das war nicht weit und ich sah mich im Geiste schon unter der Dusche stehen. Ich konnte aber kein Hotel entdecken, fragte einen Mann, und er sagte mir, daß ich direkt davor stünde. Es sah ein bißchen seltsam aus für ein Hotel und der Name stand auch nicht in großen Buchstaben über dem Eingang. Egal, ich ging die Stufen zum Eingang hoch und trat ein. Die Rezeption war recht großzügig bemessen, dort arbeiteten gleich drei Damen an riesigen Schreibtischen. Und soviel Schreibkram? Ich wollte ein Zimmer! Die Damen redeten auf französisch auf mich ein, ich verstand nur Bahnhof. Allmählich dämmerte mir, daß hier die Rathäuser „Hotel de ville“ heißen mußten. Ich sah ein, daß ich mir etwas anderes für die Nacht suchen mußte.

Ich fand eins mit einem unfreundlichen und umständlichen Rezeptionisten, der mir nicht einmal eine Flasche Wasser besorgen konnte. Dafür habe ich mich dann noch mal zum Supermarkt geschleppt.

 

 

Etappe – Malmedy-Vielsalm

Region:  Wallone

Kilometer 32,3

Schritte: 40350

Wanderzeit 7 Std 48 Min

WDG (Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit) 4,1km/h

Flugminuten 2 (wegen Verlaufen)