Tag 57: St. Pons – Narbonne

Tag 57:  St. Pons bis Narbonne   –   12. Juni 2007

 

Heute morgen überwand ich das Gefälle im Badezimmer und duschte kalt. Ich hatte schon zehn Minuten auf warmes Wasser gewartet, aber die Temperatur veränderte sich nur unwesentlich. Mir fiel spontan der Herr Knopp von Wilhelm Busch ein. “ Schnell verläßt er diesen Ort, und begibt sich weiter fort.“ Aber vorher habe ich dem Hausherrn noch deutlich gemacht, daß ich in den letzten zwei Monaten in ungefähr fünfzig Hotels verweilte und dieses hier mit Abstand das schlechteste war. Und vierzig Euro für die Nacht empfand ich schon fast als Betrug. Aber er wußte das genau so gut wie ich und deshalb ließ es ihn kalt.

 

Ich ging zur Bushaltestelle. Dort fuhr um halb neun einer von täglich drei Bussen nach Bezier. Woanders kam man von hier aus noch viel schlechter hin. Mir war es egal, ich wollte nur aus diesen Bergen raus. Der Bus brauchte für die fünfzig Kilometer ungefähr anderthalb Stunden. Diese Strecke hätte ich gar nicht laufen können. Sie wäre lebensgefährlich gewesen. Über weite Strecken führte die Nationalstraße in Serpentinen eng zwischen Fels und Leitplanke bergab. Es war ein seltsames Gefühl, aus dem Busfenster zu schauen und den Straßenrand zu beobachten. Niemals hatte ich früher darauf geachtet, wie breit der war. Jetzt sah ich die Welt aus der Fußgänger Perspektive.

 

Der Bus schlängelte sich immer abwärts aus den Bergen heraus und dann durch endlose Weinanbau Gebiete Richtung Bezier. Das Wetter war herrlich heute und als ich ausstieg zeigte das Thermometer schon vierundzwanzig Grad an. Ich war richtig froh in einer größeren Stadt zu sein und endlich keine Bergeinsamkeit mehr um mich zu haben. So ändern sich die Bedürfnisse. 

 

Beziers ist eine Stadt mit zirka 70.000 Einwohnern. Es kam mir aber so vor als wäre ich in einer riesigen Großstadt. Ich lief eine Weile in der Stadt herum, um ein paar Fotos zu machen. Ein besonders schönes Motiv war die Kathedrale St. Nazaire, auf einem Hügel gelegen, mit der uralten Steinbrücke Pont Vieux im Vordergrund. Unter ihr fließt gemächlich die Orb. Dann stieg ich in einen Bus in Richtung Coursan. Von dort aus lief ich die letzten sieben Kilometer bis Narbonne. Endlich hatte ich mal wieder flaches Land unter den Füßen. Die Straße nach Narbonne hinein war zwar nicht die schönste, es herrschte reger Verkehr und endlose Reklametafeln säumten den Weg, aber das war endlich mal etwas anderes als Felder, Wälder, Kühe und Einsamkeit.

 

Narbonne ist mit 50.000 Einwohnern etwas kleiner als Beziers, was mir aber nicht weiter auffiel. Denn eigentlich war der Verkehr hier noch stärker und ich war sowieso beeindruckt, weil die letzten hundert Dörfer, durch die ich gekommen war, zusammen nicht so viele Menschen beherbergten. Narbonne war übrigens die erste römische Kolonie außerhalb Italiens.

 

Ich quartierte mich im Hotel de Paris, einem alten und preiswerten Hotel, ein. Dann machte ich mich auf einen Rundgang durch die Stadt. Und hierbei passierte mir etwas Seltsames das schwer zu beschreiben ist. Ich beobachtete die Menschen und sie hinterließen bei mir ungewöhnlich intensive Eindrücke. Ich schaute mir die Gesichter an und hatte das Gefühl in ihnen lesen zu können und in die Menschen zu schauen. Ich selbst nahm mich nur als Beobachter wahr, der, fast wie ein Geist, unsichtbar an ihnen vorbei schritt. Einige Eindrücke waren besonders stark. Da war der uralte Mann, der von einer jüngeren Frau, wahrscheinlich seiner Tochter, im Rollstuhl an einen Tisch in der Eisdiele geschoben wurde. Mit großer Mühe und Anstrengung löffelte er seinen Eisbecher aus. Aber es war ein Genuß für ihn. Sein Gesicht hatte, obwohl uralt und faltig, kleinkindhafte Züge und auch seine Unbeholfenheit erinnerte an ein Baby. 

 

Ein kleiner Junge, vielleicht sechs Jahre alt, stolperte und fiel auf sein Knie. Obwohl er bitterlich weinte, zog sein Vater ihn am Arm weiter und schimpfte mit ihm. Der kleine Mann hätte jetzt nichts dringender gebraucht als von seinem Vater in den Arm genommen und getröstet zu werden, aber der war in diesem Moment nur genervt und ganz weit von seinem Sohn entfernt. Ein Punker, der eben noch bettelnd an einer Ecke stand und dem ich ein paar Münzen zugesteckt hatte, zog mit seiner Freundin und zwei Hunden über den Platz. Beide hatten jetzt eine Bierdose in der Hand. Zwei Männer um die sechzig in Anzug und Krawatte und eine Dame im Kostüm kamen in ernsthafter und angestrengter Unterhaltung die Straße entlang. Alle hatten außer Aktentaschen auch noch eine türkise Papiertasche mit Prospekten dabei. Sie waren noch total in ihrer Arbeitswelt gefangen und nahmen außer sich nichts anderes wahr.

 

Im Supermarkt vor mir an der Kasse wartete eine schlampig gekleidete, junge Frau auf ihre Abfertigung. Sie hatte zwei Bierdosen aufs Band gestellt und kaute nervös an ihren Fingernägeln. Ihr Gesicht strahlte nur Hoffnungslosigkeit aus, sie blickte unsicher und war sich wahrscheinlich bewußt, das man ihr den Alkoholismus ansah. Sie schlurfte auf ihren Badelatschen zurück in ihre Welt. Diese und noch mehr Beobachtungen gingen so ungefiltert und intensiv in mich hinein, und sie berührten mich so stark, daß ich zurück ins Hotel ging. Ich war jetzt so lange auf mich selbst, meinen Weg und die Natur um mich herum konzentriert gewesen. Jetzt war ich weit offen für andere Eindrücke. Wie gesagt, es ist schwer zu beschreiben…

 

 

Etappe:   St. Pons bis Narbonne

Region:   Languedoc-Roussillon

Luftlinie: 13,5

Kilometer: 6,8 ( + Bus)

Schritte: 11625

Wanderzeit: ca. -Std. — Min.

WDG (Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit) -kmh

Flugminuten: 1