Tag 53: Pause in St. Salvetat

Tag 53: Pause in St. Salvetat

 

Ich habe heute an diesem wunderschönen See eine Pause eingelegt, vielleicht werde ich auch noch morgen bleiben. Ich mußte heute mal in mich gehen und eine Zwischenbilanz der Reise ziehen. 

 

Ich glaube, daß ich hier in St.Salvetat, was wohl passend zur Situation mit „Rettung“ oder „Heilung“ übersetzt werden kann, meine Grenze ausgelotet und erreicht habe. Die Kräfte sind erschöpft, kein Dampf mehr auf dem Kessel und der Ofen ist aus. Und Brennholz ist keins mehr da. Und ein Tag Pause bringt da auch nichts mehr, das kann ich spüren. Es krieselt an allen Ecken und Kanten, die Schmerzen in der linken Schulter und Brust sind unangenehm, die Knie schmerzen bei langen Abstiegen, aber auch die Moral läßt nach über 5o Tagen einsamer Wanderung nach. Das soll jetzt kein Jammern sein, sondern eine ganz nüchterne Diagnose. Mein Körper kann sich nicht mehr so schnell regenerieren, ich muß darüber nachdenken, wie es weitergeht.

 

Bis hier hin bin ich 1118,5 echte Kilometer gelaufen. Das mit 17 Kilo auf dem Buckel. Deshalb bin ich weit davon entfernt, es als Scheitern zu empfinden, wenn ich meine Reise jetzt etwas anders fortsetze als bisher. Ich habe jetzt darüber nachgedacht, Suse, meinen Bruder Dirk und meinen Freund Klaus nach Ihrer Meinung gefragt und die einhellige Antwort war, gemächlich weiter zu machen. Klaus schrieb mir: „Lieber eine gesunde Einsicht als ein kranker Sieg.“ Das trifft den Kern, finde ich.

 

Ich werde ab jetzt nur noch so weit laufen, wie es geht und ansonsten auf andere Fortbewegungsmittel umsteigen. Vielleicht lag deshalb gestern dieser kleine grüne Zettel mit der Weisheit über Glück auf meinem Mittagstisch. Um mir klar zu machen, daß es schon ein großes Glück ist, ohne größere Missgeschicke bis hier her zu kommen. Und das ich das Erreichte und all die Erfahrungen und Begegnungen nur schmälern würde, wenn ich jetzt verbissen um einen „Endsieg“ ringen würde.

 

Mit diesen Gedanken im Kopf machte ich noch einen nicht allzu langen und sehr gemütlichen Spaziergang am See. Der Lac de la Raviege ist ein ruhiger, wunderschön zwischen bewaldeten Hügeln gelegener Stausee. Mein Hotel liegt direkt am Strand. Hier hat man Sand angeschüttet und ich kann mir vorstellen, daß in der Hauptsaison richtig was los ist. Aber im Moment ist es hier absolut ruhig, es sind kaum Menschen hier und es herrscht eine himmlische Ruhe. Nur Frösche und Kröten veranstalten abends ihr Konzert.