Tag 46: St. Urcize – St.Geniez d´Olt

Tag 46:  St. Urcize bis St. Geniez d’Olt  –  1.Juni 2007

 

Die Hotels hier sind, warum auch immer, besser belegt als die der vergangenen Zeit. Das der letzten Nacht war auch noch besonders hellhörig und es gab keinen Fernseher. So mußte ich mit anhören, was die Nachbarn trieben. Heute war es wohl ein Pärchen. Ich hörte aber nur den männlichen Bewohner. Die Menschen haben haben die seltsamsten Marotten. Der Mann blies bestimmt fünf Minuten lang seine Nase frei. Ich vernahm ihn im Badezimmer, welches wahrscheinlich so wie bei mir aus einer nachträglich eingebauten Kunststoffkabine bestand, trompeten, was das Zeug hielt. Dann wurde eine Zeitlang hin und her getrappelt und schließlich klopfte das Bett an meine Wand. Der Rhythmus hielt sich während der nächsten zehn Minuten mehr oder weniger konstant. Keine Minute später hörte ich die Dusche rauschen. Wieder Getrappel, dann verließ eine Person das Zimmer. 

 

Um genau zwei Uhr fünfzig wurde ich wieder wach, eine Tür wurde umständlich und laut abgeschlossen. Die Badezimmertür schlug zu und das Trompeten begann wieder. Zum Glück etwas kürzer als beim ersten Mal. Dieses Mal versuchte ich mir gar nichts vorzustellen, sondern schlief schnell wieder ein. Wahrscheinlich hatte der Mann mit dem Hotelwirt um die Wette getrunken, den dieser sah beim Frühstück mehr als zerknittert aus.

 

Als ich morgens vor die Tür trat, war es, ohne zu übertreiben, saukalt. Gefühlte zwei Grad, aber die waren, glaub ich, auch real. Ich hatte schon zwei T-Shirts über einander gezogen. Jetzt holte ich noch eins aus dem Rucksack, um es als Schal umzulegen. Der Rucksack wurde immer leichter. Kurz nachdem ich St. Urcize verlassen hatte, mußte ich auch den Regenponcho wieder überziehen. Apropos überziehen, auf der Landkarte fand ich ganz in der Nähe das Dorf mit dem lustigen Namen Condom. Da konnte ich aber nicht hergehen, der Weg führte in eine Sackgasse. 

 

Die Landschaft erinnerte mich heute eher an Irland, denn an den Süden Frankreichs. Diese Gebirgsregion hatte ich eindeutig unterschätzt. Langsam stieg Verzweiflung in mir hoch. Die endlosen Serpentinen und das schlechte Wetter ließen meine Laune sinken und sinken. Da könnte man glatt das Handtuch werfen. Was machte ich hier eigentlich? Ich hatte mich in diesen Bergen richtiggehend fest gewurschtelt. Hier mußte man das dreifache der Luftlinie gehen, um ans Ziel zu gelangen. Ich lief ja, was ich konnte. Aber es reichte nicht. Wie sehr wünschte ich mir im Moment, bequem im Flugzeug zu sitzen, und über all das hier hinweg zu sausen.

 

Ich lief ohne Pause bis zu einer Hauptstraße, die nach St. Geniez führte, und hatte inzwischen fünfundzwanzig Kilometer hinter mir. Nur in Aubrac hatte ich einen kurzen Stop eingelegt um ein paar Fotos zu machen. Dann hielt ich den Daumen raus, mein Ehrgeiz bröckelte, auch wenn ich es nur schwer zugeben kann. Die letzten zirka achtzehn Kilometer bin ich getrampt, hier in den Bergen scheint es mitleidige Autofahrer zu geben.

 

Ich bin jetzt für 807 Kilometer Luftlinie 990,6 Kilometer gelaufen. Ich möchte mir meine Gesundheit nicht ruinieren und auch einigermaßen im Zeitplan bleiben. Diese Bergregion hatte ich in der Härte nicht auf meinem Plan. Hier herrscht ein Wetter, wie in Deutschland im Winter. Deshalb mußte ich heute per Anhalter weiterfahren, sonst erreiche ich mein Ziel nie. 

 

Hier in St. Geniez im Hotel habe ich auch wieder eine Internet-Verbindung, und das ist wichtig für mich… 

 

Etappe:   St. Urcize bis St. Geniez d’Olt

Region:   Auvergne-Midi Pyrenees

Luftlinie: 26

Kilometer: 25,1 (+ getrampt ca. 18)

Schritte: 31356

Wanderzeit: 6 Std. 54 Min.

WDG (Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit) 3,6 kmh

Flugminuten: 2