Tag 44: St. Flour – Chaudes Aigues

Tag 44:  St. Flour bis Chaudes Aigues   –   30. Mai 2007

 

Gestern am späten Abend kam mein Zimmernachbar an. Ich hörte ihn schnaufend und niesend den Flur entlang gehen. Kaum war er im Zimmer, stellte er den Fernseher auf volle Lautstärke. Er hustete und prustete ohne Unterlass. Das hörte sich an wie schlimmer Raucherhusten im Endstadium. 

Als ich heute morgen wach wurde, begann kurz darauf das gleiche Prozedere, Fernseher und Husten. Ich versuchte mir anhand der Geräusche vorzustellen wie dieser Mensch wohl aussähe. Klein und untersetzt stellte ich ihn mir vor, Mitte Sechzig, mit grauem Haarkranz, rotem, faltigen Gesicht, dickem kurzen Hals und hängenden Wangen. 

 

Jetzt wollte ich nätürlich auch wissen, wie weit meine Vermutung zutraf. Also wartete ich, bis ich hörte, daß er sein Zimmer verließ und wie zufällig trat ich auch vor die Tür. Nur mit der Annahme, daß er klein und um die Sechzig war hatte ich Recht, alles Andere stimmte nicht. Er wirkte zwar ziemlich kompakt, dabei aber drahtig, und hatte einen sicheren, schnellen Gang. Die polierte Glatze und sein relativ faltenfreies Gesicht ließen ihn ein aussehen wie einen Bruce Willis für C-Movies. Im Frühstücksraum hustete er übrigens kein einziges Mal mehr. Und ich war wahrscheinlich zu viel allein, kam ich doch schon auf etwas seltsame Ideen.

 

Draußen sah ich die Menschen in dicken Pullovern und Jacken vorbeilaufen und ich fragte meinen Wirt nach der Temperatur. Er wies auf ein digitales Außenthermometer, das zeigte 4,3 Grad an. Als ich frühstückte, war der Himmel grau zugezogen, die Bewölkung lockerte aber schnell auf und als ich losging, schien die Sonne. Ich konnte meine Fotos von der Oberstadt machen. Auf einer kleinen Brücke traf ich einen französischen Kollegen, der sich die gleiche Stelle ausgesucht hatte.

 

Ich wollte heute über eine kleine Landstraße an dem Stausee Grandvals vorbei nach Chaudes Aigues gehen, was „Warmes Wasser“ heißt. Der Aufstieg aus St.Flour heraus war ziemlich steil und zog sich in Serpentinen den Berg hinauf. Bis nach Villedieu schlängelte die Straße sich in vielen weiten Kurven durch die Landschaft, und danach bis Alleuze wurde es noch schlimmer. Ein ständiges Auf und Ab mit unzähligen Serpentinen. Die Landschaft ist hier ohne Zweifel grandios, ich hatte enorme Weitblicke und der gelb blühende Ginster setzt hier allerorten die Farbakzente. Aber die endlos daliegenden Hügel und Berge machten mir auch irgendwie Angst. Es war enorm anstrengend, hier zu laufen und ich war heute langsam wie schon lange nicht mehr. Außerdem wurden die Schmerzen in der linken Schulter, die ich seit einer guten Woche zeitweise spüre, immer deutlicher. Der Rucksack ist wohl doch ein bisschen schwer. Ich mußte öfter Verschnaufpausen einlegen und das Gepäck ablegen.

 

Es war auch recht schnell warm geworden, die Jacke hatte ich eingepackt. Nach weiteren Auf und Abstiegen kam ich über die Brücke am Stauwehr des Grandvalsees. Danach kam noch ein echt heftiger Aufstieg bis Fridefont. Ich konnte nicht mehr. Bis hier war ich schon 28 Kilometer gelaufen. Durch die vielen Windungen der Straße war der Weg viel länger, als er auf der Karte aussah. Von St. Flour bis Chaudes Aigues sind es 22 Kilometer Luftlinie und ich hatte jetzt immer noch 14 Kilometer vor mir. Direkt hinter Fridefort mündete die Landstraße in die Hauptstraße nach Chaudes Aigues. Es war jetzt schon fünf Uhr nachmittags und ich entschloss mich, es per Anhalter zu versuchen.

 

Nach einem Viertelstündchen hielt ein junger Mann in einem Lieferwagen und nahm mich mit. Die Konversation war ziemlich knapp, da er nur französisch sprach. Aber ich konnte ihm doch verständlich machen, das er an einer Stelle, wo der Ginster besonders üppig blühte, anhalten sollte. Ich wollte noch ein Foto machen. Zwanzig Minuten später war ich im Hotel und legte mich erst einmal hin. Um Sieben verdunkelte sich der Himmel urplötzlich und ein kurzes, aber heftiges Gewitter brach über den Kurort herein. An die nächsten Tage dachte ich mit einem etwas mulmigen Gefühl…

 

 

Etappe:   St. Flour bis Chaudes Aigues

Region:   Auvergne

Luftlinie: 22,1

Kilometer: 28,3 (+ 14 getrampt)

Schritte: 35364

Wanderzeit: 7 Std. 44 Min.

WDG (Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit) 3,6 kmh

Flugminuten: 2