Tag 42: Lempdes – Massiac

Tag 42: Lempdes bis Massiac  –  28.Mai 2007

 

Heute bin ich auf berühmten Spuren gewandelt, aber davon später. Zuerst einmal war es heute morgen kalt und grau. Weil ich wieder nur ein kurzes Stück vor mir hatte, verließ ich das Fasthotel erst um elf Uhr. Ich ging zurück ins Zentrum von Lempdes um mich mit Proviant zu versorgen. Selbst das letzte, vom mehrmaligen Schmelzen und wieder Festwerden hell und bröselig gewordene Snickers hatte ich nachts gegessen. Es war nichts mehr da. Aber als ich zum einzigen Supermarkt des Dorfes kam, war dieser geschlossen, und zwar für immer. Ich suchte eine Bäckerei. Die Auswahl war hier nicht groß, neben Baguettes in verschiedenen Größen gab es noch Croissantes und so etwas wie Apfeltaschen. Zu Trinken gab es nichts. Ich nahm eine Apfeltasche und die Bäckerin verwies mich an die Bar im Dorfe, da könne ich was trinken.

 

Als ich mit meinem Gepäck auf dem Buckel die Bar betrat, herrschte für einen Moment lang Schweigen. Es hafteten ungefähr ein dutzend Augenpaare auf mir. Es waren nur Kerle in der Bar, und ich sage bewußt Kerle. Ungewaschene, grobe, saufende und qualmende Kerle. Um halb zwölf Uhr morgens. Ich fand die Szene so faszinierend, daß ich die Kamera aus der Tasche holte und so tat als würde ich etwas nachschauen. Ohne durch den Sucher zu sehen drückte ich drei mal ab. Eins dieser Fotos ist echt gelungen. Ich beeilte mich meine Cola zu trinken und ging vor die Tür. Inzwischen nieselte es.

 

Ich fand den Wegweiser nach Massiac, aber das war wieder die Hauptstraße D 909. Die wollte ich nicht gehen. Ich hatte auf der Karte eine kleine Straße gefunden, die über ein Plateau nach Massiac führte. Ein Mann mit Baguette unterm Arm kam mir entgegen und ich machte ihm anhand der Karte mein Anliegen verständlich. Er erklärte mir den Weg, warnte mich, daß es dort viele Serpentinen gebe und es steil hinauf ginge, und erzählte mir dann, daß Napoleon auch diesen Weg genommen hätte. Wann und zu welcher Gelegenheit verstand ich allerdings nicht.

 

Mit langsamen großen Schritten erklomm ich das Plateau. Hier hatte man einen herrlichen Weitblick. Das Nieseln hörte auf, aber der Himmel war von dunklen, schnell dahinziehenden Wolken verhangen. Nur hier und da blitzte die Sonne hindurch. 

 

Das Napoleon diesen Weg mit kurzen Beinen und unbequemen Schaftstiefeln gegangen ist, kann ich kaum annehmen. Er ist wahrscheinlich geritten und ließ seine Soldaten laufen.

 

Mit dem Wetter hatte ich wieder Glück. Ich sah zwar, wie ringsherum im Land die Regenvorhänge fielen, aber außer ein bisschen Sprühregen traf mich nichts. Nur die Kälte und der immer stärker werdende Wind machten mir zu schaffen. Lempdes lag auf 430 Metern Höhe und hier oben ging es an die 700 Meter. Die Temperatur schätzte ich auf für Ende Mai unglaubliche fünf Grad. Und darauf war ich kleidungsmäßig nicht vorbereitet. Der Wind fegte hier oben so heftig in Böen, daß ich ein ums andere Mal von ihm ins Schwanken gebracht wurde. Er kam aus Westen und meine rechte Gesichtshälfte wurde taub von der Kälte. So etwas kommt sonst nur im Winter vor. Das ich mit meiner Temperaturschätzung einigermaßen richtig gelegen haben muß, bestätigte sich später in Massiac. Dort im Tal zeigte das Apothekenthermometer elf Grad. Und hier kam es mir warm vor.

 

Alles in Allem war es aber ein schöner Wandertag. Ich fand herrliche Fotomotive bei dramatischen Lichtverhältnissen. Auf dem Plateau gab es einige kleine Dörfchen und eine Burgruine, die ich aber nur aus der Ferne fotografierte. Nach dem Abstieg kam ich mit knurrendem Magen in Grenier Montgon an, aber hier zeigte nur eine verwitterte Schrift an einem Haus, das es vor Jahren mal eine Bar gab. Ich lief die letzten vier Kilometer nach Massiac und wurde dann doch noch naß. Eine kleiner, heftiger Schauer erwischte mich auf dem letzten Kilometer. Ich fand einen Spar Supermarkt und kaufte viel mehr ein als ich brauchte. Es ist immer das Gleiche wenn man hungrig Einkaufen geht.

 

Auch hier gab es ein Autobahnhotel, aber dieses war viel besser als die Formula 1 und Fasthotels. Das Zwei Sterne Hotel La Colombiere kann man nur empfehlen. Super gepflegt und sauber, großes Zimmer mit schönem Bad, die Heizung geht und man kann sie auch bedienen, ADSL Kabelanschluß fürs Laptop und so weit von der Autobahn entfernt, daß man nichts hört. Und der nette Herr an der Rezeption war äußerst hilfsbereit und zuvorkommend. Ich gerate hier so ins Schwärmen, aber wenn man sich über eine lange Zeit jeden Tag eine andere Bleibe suchen muß, dann lernt man ein bisschen Komfort zu schätzen…

 

 

 

Etappe:   Lempdes sur Allagnon bis Massiac

Region:   Auvergne

Luftlinie: 16,0

Kilometer: 22,5

Schritte: 28122

Wanderzeit: 5 Std. 07 Min.

WDG (Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit) 4,4  kmh

Flugminuten: 1,5