Tag 38: Maringues – Cournon d´Auv.

Tag 38: Maringues bis Cournon d‘ Auvergne  –   24. Mai 2007

 

Heute morgen hatte ich das Gefühl, daß ich Wandern gehe wie Andere zur Arbeit. Inzwischen ist das morgendliche Rucksack packen und die akribische Kontrolle des Zimmers, ob auch nichts vergessen wurde, zur Routine geworden. Ich ging erst um kurz vor zehn aus dem Hotel, habe ja schließlich keine festen Arbeitszeiten. 

 

Die ersten sechs Kilometer bis Loze vergingen wie im Flug, die Temperatur war angenehm und die Sonne kam nur manchmal durch die Schleierwolken. Ich dachte über Freundschaften nach, und darüber, daß ich ein paar davon mal gründlich überprüfen müßte. Es gibt ein paar Menschen, bei denen ich das Gefühl habe, nur zu investieren. Aber es kommt nichts zurück. Würde ich mich nicht um den Fortbestand dieser Beziehungen kümmern, wären sie wahrscheinlich längst eingeschlafen. Das hinterläßt auf Dauer ein unbefriedigendes Gefühl. Im normalen Alltagsleben registriere ich das zwar auch, aber hier bin ich mit mir allein und mache nichts außer Laufen und Nachdenken. Das läßt die Dinge des Lebens deutlicher werden. Auch über meine kleine Tochter denke ich viel nach. Ich muß mich wohl damit abfinden, daß ich ihr nicht der Papa sein kann, der ich gern wäre. Seit sie vor fünfeinhalb Jahren auf Mallorca geboren wurde, habe ich mein gesamtes Leben nur nach ihr ausgerichtet. Meine Karriere auf der Insel und mein Haus dort habe ich zurückgelassen und bin ihr nach Deutschland gefolgt. Dort habe ich sie als Wochenendvater alle vierzehn Tage von Freitag Nachmittag bis Sonntag Mittag. Alle Termine richteten sich nach diesen Wochenenden, was auch für Susanne nicht immer einfach war. Und ich versuchte krampfhaft, eine Art Familienleben durchzuziehen; was eigentlich unmöglich ist. Ich muß einfach einsehen, daß Sophia das „normale“ Leben mit ihrer Mutter hat. Diese Reise ist das Erste seit fünf Jahren, was ich allein für mich tue. Und das ist ein gutes Gefühl.

 

So in Gedanken kam ich nach Joze, sah eine Bank unter einem großen Baum und machte dort Pause. Ich packte meine Brote und Wasser aus, machte ein paar Selbstportraits „Wanderer beim Frühstück“ und sah auf einmal wie die Wolken sich immer höher türmten. Ich beeilte mich, den Rucksack wieder auf die Schultern zu bekommen, als auch schon fast wie aus heiterem Himmel die ersten dicken Tropfen fielen. Ich hatte nur ein paar hundert Meter bis zum Dorfkern und wollte mich dort vor dem Regen in Sicherheit bringen. Aber das Schäuerchen war nur eine kleine Warnung und hörte nach ein paar Minuten wieder auf.

 

Ein Blick nach hinten zeigte mir, daß es dort bedrohlich schwarz am Himmel wurde. Ich ging im Dorf unentschlossen langsam zwischen Kirche und Dorfplatz hin und her. Da es aber nicht weiterregnete, wagte ich die Fortsetzung meines Weges. Das ging eine Zeitlang gut, bis der Donner hinter mir immer näher kam und sich jetzt auch vor mir etwas Ungutes zusammenbraute. Mitten auf freiem Felde fing es wieder an, dicke Tropfen zu regnen. Ich ging, so schnell das mit meinem Gepäck möglich war auf einen Bauernhof mit großen Silos zu, der etwa fünfhundert Meter weiter an der Straße lag. Zwischendurch hielt ich, wenn Autos nahten, den Daumen raus, aber niemand hatte Mitleid. Beim Bauernhof stellte ich mich unter einen dichten Baum, der den noch leichten Regen abhielt. Für den Ernstfall hatte ich mir schon einen Verschlag ausgeguckt, der an die Außenwand des Hofes gezimmert war. Weitergehen war unmöglich, jetzt hatte sich die dunkelgraue Bewölkung über den halben Himmel gezogen, der Donner rollte über die Ebene und Blitze zuckten vereinzelt zu den Feldern hinunter. 

 

Ich wollte, wenn möglich, ganz schnell hier weg. Mein herausgehaltener Daumen zeigte aber keine Wirkung. Hier war nicht viel Verkehr und die meisten Autos, die vorbei fuhren, wurden von einer Frau gefahren. Da verstehe ich natürlich, daß sie nicht einen Rucksack bepackten Typen vom Feld aufsammeln. Dann gab es einige Fahrer, die irgendwelche unbegreiflichen Zeichen machten, manche betätigten auch die Lichthupe. Dabei sah ich sie doch kommen. Kurz bevor der Himmel seine Schleusen öffnete hielt dann doch ein mildtätiger Mensch und nahm mich mit ins fünf Kilometer entfernte Pont du Chateau. Und welch ein Zufall, dieser Mann sprach ein bisschen Deutsch. Er hatte Deutsch in der Schule gelernt und besuchte alle zwei Jahre Freunde in Deutschland. Er lieferte mich direkt vor einer Bar im Zentrum ab und gab mir noch den Ratschlag, hier gut auf meine Kamera aufzupassen. Hier sitze ich jetzt, warte ab, ob der Himmel aufklart und will dann noch weiter nach Cournon d‘ Auvergne. Dann wäre ich südöstlich an Clermont vorbei anstatt nordwestlich, wie ursprünglich geplant. Durch diese Kursänderung müßte ich bestimmt fünfzehn Kilometer gespart haben und bliebe länger im Flachland.

 

Nach ungefähr zwei Stunden bei einer Cola und einem Gläschen Pastisse klarte es draußen ein wenig auf und ich entschied mich, weiter zu gehen. Den Weg erklärte mir die Wirtin mit so vielen Wiederholungen, daß ich ihn schließlich kapiert hatte. Als ich dann an der Gendarmerie vorbei aus der Stadt kam, ging ich genau auf die nächste Gewitterzelle zu. Wieder zuckten die Blitze am dunklen Himmel und ich zählte die Sekunden, bis ich den Donner hörte. Das Gewitter mußte etwa zwei Kilometer entfernt sein. Ich lief wieder, so schnell ich konnte, wurde aber trotzdem vom Regen überrascht. Allerdings hatte ich schon fast die lange einspurige Brücke erreicht, die ins Dorf Dallet führt. Und direkt nach der Brücke befand sich ein Restaurant mit überdachter Terrasse. Mir blieb nichts Anderes übrig, als mich dorthin zu flüchten. Ich hatte gerade den Rucksack abgesetzt als zwei Rennradfahrer über die Brücke schossen und auch hier Zuflucht suchten. Als Leidensgenossen kamen wir schnell miteinander ins Gespräch. Der jüngere Radler war Italiener und sprach ganz gut Englisch, und er übersetzte dann auch für seinen französischen Freund. Als der Regen nach einem halben Stündchen aufhörte, luden die beiden mich ein und bezahlten mein Bier mit. Ich machte das obligatorische Foto und wir verabschiedeten uns herzlich. 

 

In diesem Restaurant gab es übrigens Paulaner Bier. Ich mußte sofort an die Paulaner Werbung mit den Indern im bayrischen Biergarten denken. Sie bestellen „Gute Reise, bitte!“ und bekommen trotzdem ein Bier. So ungefähr fühle ich mich hier in Frankreich auch oft, aber irgendwie geht’s immer.

 

Die letzten acht Kilometer bis Cournon zogen sich wieder endlos an der Hauptstraße entlang. In der kleinen Stadt ging es auch noch mal heftig bergauf. Und inzwischen schien die Sonne aus einem grauen Himmel. Ich hatte das Gefühl, ich würde durch ein riesiges Gewächshaus laufen. Das erste Hotel, das ich fand, stand renovierungsbedürftig zum Verkauf. Ich wollte es ja nicht gleich übertreiben und suchte deshalb weiter. Ich fragte ein paar Passanten, aber niemand kannte ein Hotel. Als ich eine Nebenstraße überquerte, hielt neben mir ein Krankenwagen. Es war ein VW-Bus und vorn saßen der Fahrer und eine junge Frau. Ich fragte auch sie, aber die beiden wußten auch kein Hotel. Aber sie könnten mich mit zum Zentrum nehmen und dort mal schauen, sagte die junge Frau. Der Fahrer sagte irgendwas von „Ausnahme“ und bedeutete mir, hinten einzusteigen. Da saß ich also total perplex auf einem Krankenstuhl neben der Trage hinten im Bus und wurde genau vor einem Hotel wieder ausgeladen. Das Hotel ist auch noch günstig, das Zimmer schön und groß, was will man mehr…

 

 

 

Etappe:   Maringues bis Cournon d’Auvergne

Region:   Auvergne

Luftlinie: 22,6

Kilometer: 21,7  ( + ca. 5 km getrampt )

Schritte: 27113

Wanderzeit: 4 Std. 41 Min.

WDG (Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit) 4,6  kmh

Flugminuten: 2