Tag 31: Autun bis Toulon sur Arroux

Tag 31: Autun bis Toulon sur Arroux   –   17. Mai 2007

 

Heut führte kein Weg daran vorbei. Ich mußte durch den grauen Tag und den ständigen Nieselregen. Und es war eine echt gemeine Strecke. Von Autun ging es stetig bergauf, die Landschaft wurde hügeliger. Aber es waren nicht die sanften Hügel, sondern der Weg führte bergauf und bergab. An den Steigungen mußte ich jetzt meine Schritte verlangsamen, sonst kam ich außer Puste. Mein Ziel war heute Toulon sur Arroux , dort hatte ich mich mit Susanne an der Dorfkirche verabredet, denn ich war mir sicher, daß es die dort geben würde. 

 

Ich hatte noch Glück, daß es nicht heftiger regnete, aber als ich in Mesvres ankam, war ich schon gut durchnäßt. Und ich wollte meinen Regenponcho nicht anziehen. Die Erfahrung mit den wild gewordenen Jungbullen hatte mir gereicht. Denn diese Gegend war einsam und so zu sagen mit Rindern verseucht. Den ganzen Tag lang hatte ich links und rechts der Straße große Herden, die von mächtigen Stieren bewacht wurden. Vielleicht bin ich ja ein Angsthase, aber diese riesigen Viecher, die aussehen wie weiße Bisons, stellten meine Nerven auf eine harte Probe. Teilweise waren nur niedrige Hecken zwischen mir und ihnen. Einmal klaffte eine große Lücke in der Hecke und der Bauer hatte nur eine Kordel dazwischen gespannt. Ich war völlig allein auf weiter Flur. Im Falle eines Falles gab es für mich keinen Fluchtweg und mit Rucksack und Kamera war ich sowieso relativ unbeweglich. Kurzum, ich rechnete jeden Moment damit, von so einem Koloss niedergewalzt zu werden.

 

Ich machte mich später im Internet schlau über diese Rinderrasse, die vorrangig in diesem Gebiet und zur reinen Fleischerzeugung gezüchtet werden. Das Charolais Rind ist in der Farbe gelblich bis fast weiß gedeckt, bei hellem Flotzmaul, Klauen und Horn. Der Ursprung der Rasse liegt im Flußtal der Nievre und in der Umgebung von Charolles in Frankreich. Bei weiblichen Zuchttieren ist ein mittlerer Rahmen von ca. 142 cm Widerristhöhe und ca. 150 cm Widerristhöhe bei männlichen Tieren erwünscht. Die Bemuskelung soll vor allem an Schulter, Rücken, Lende, Becken und Keule sehr gut entwickelt, ausgeprägt und fest sein. Das Gewicht der ausgewachsenen Kühe soll 800 – 900 kg und das der ausgewachsenen Bullen 1.200 – 1.300 kg betragen. 

 

Einige dieser Burschen habe ich dann doch noch fotografiert. Mag sein, daß ich spinne, aber mir machen die Angst. Ich versuchte, so unbeteiligt wie nur möglich an den Herden vorbeizugehen, da sie zur Zeit auch noch viele kleine Kälbchen hatten.

 

So gelangte ich bei ständiger Nervenanspannung über La Chapelle bis kurz vor La Tagniere. Ohne Unterlass tat der Nieselregen sein Übriges. Ungefähr zwei Kilometer vor La Tagniere hielt ein zerbeulter Kleinwagen neben mir und ein ziemlich schmuddelig gekleideter Mann in meinem Alter öffnete die Tür und fragte wo ich hinwollte. Da mir der nächste Dorfname nicht parat war, zeigte ich einfach mit der Hand nach vorn und sagte: „Diese Richtung“!  Er wollte mich mit zum nächsten Dorf nehmen und sagte irgendetwas übers Wetter.

Ich stieg ein und versuchte ihm klarzumachen, daß ich Französisch ganz schlecht verstehe, aber Englisch und Spanisch spreche. Er lächelte und es begann eine kurze, intensive Konversation. Er sprach Spanisch mit starkem südamerikanischen Akzent, aber wir verstanden uns bestens. Sieben Jahre hatte er in „Mechiko“ gelebt und war jetzt wieder in der der französischen Provinz, weil er hier eine neunjährige Tochter hatte. Ich konnte ihm Ähnliches von mir berichten. Viel zu schnell waren wir in La Tagniere, wo er mich vor einer Bar absetzte, die sogar geöffnet hatte. Ich hätte mich noch länger mit ihm unterhalten können, aber er mußte weiter.

 

Ich trank in der Bar einen schönen, heißen Milchkaffee und trocknete mich ein wenig. Dann ging es weiter nach St. Eugene. Auch das erinnerte mich an meine Zeit auf Mallorca, weil ich dort in einem kleinen Nest namens Santa Eugenia gelebt hatte. Aber mehr als den Namen und in etwa die Größe hatten die beiden Dörfer nicht gemein. An den mallorquinischen Flair reichte das, was ich hier vorfand, bei weitem nicht heran. Immerhin gab es ein kleines Restaurant, in dem ich mich noch einmal trocknete. Inzwischen war eine SMS von Susanne mit mehreren Stunden Verspätung eingetrudelt, weil ich auf dem zurückliegenden Teil der Etappe keinen Empfang hatte. “ Stau in Luxembourg…schwerer Unfall“. 

 

Das letzte Stück Weg bis Toulon sur Arroux versuchte ich noch mal mit hohem Tempo zu gehen. Die Füße schmerzten und waren naß, weil die Sohlen jetzt an mehreren Stellen durch waren. Nach dem heutigen Tag würde ich die Schuhe ausmustern, das war jetzt klar. Ich schätze, daß sie mit allen Probewanderungen und dem Kururlaub in Österreich jetzt zirka 1000 Kilometer auf den Sohlen hatten. 

 

Als ich um halb sieben in Toulon ankam, war Susanne immer noch nicht da.  Dafür hatte ich aber eine neue SMS: “ Habe die Autobahn jetzt verlassen…bis gleich mein Schatz“. Ich setzte mich in eine Bar am Verkehrsknotenpunkt des Örtchens und bestellte mir Bier, Pastisse und Zigaretten. Die Nerven mußten beruhigt werden. Das Dauernieseln, die Stiere und die Tatsache, daß Susanne noch nie allein so weit gefahren ist, stellten mich heute auf eine harte Probe. Als ich endlich unser kleines, grünes Auto ankommen sah, war ich wieder glücklich.

 

Wir mußten jetzt noch mal zwölf Kilometer weiter nach Gueugnon fahren, weil in Toulon keine Hotelzimmer frei waren. Dann konnte es endlich gemütlich werden…

 

 

Etappe:   Autun bis Toulon sur Arroux

Region:   Bourgogne

Luftlinie: 31,1 km

Kilometer: 36,3

Schritte: 45312

Wanderzeit: 9 Std. 46 Min.

WDG (Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit) 3,7 kmh

Flugminuten: 3