Tag 29: Precy sous Thil bis Saulieu

Tag 29:  Precy sous Thil bis Saulieu   –   15. Mai 2007

 

Zuerst einmal muß ich heute wegen einiger Anfragen von interessierten Lesern meines Wandertagebuches ein paar Dinge erläutern. Wegen der „neuen“ Schuhe wurde nach gefragt, wie ich denn in nicht eingelaufenen Schuhen wandern könnte. Bei den „Neuen“ handelt es sich um ein Paar Meindl Trekking Halbschuhe, die ich natürlich schon zu hause eingelaufen habe. Sonst hätte ich mir ja auch hier welche kaufen können und mir das Warten auf das Paket erspart. Bis jetzt trage ich sie aber noch im Rucksack mit mir herum, weil ich mit den alten Schuhen so lange laufen will, bis sie auseinander fallen.

 

Dann gab es noch Leser, die entäuscht waren, daß ich immer in Hotels schlafen würde. Warum ich kein Zelt dabei hätte, das wäre doch eigentlich das richtige Abenteuer. Man sollte sich jetzt einmal vorstellen, jeden Tag bei dieser Witterung an die dreißig Kilometer zu laufen. Mit zirka siebzehn Kilo Gepäck auf dem Buckel. Im Moment ist es feuchtkalt und nachts hat es vielleicht acht Grad. Wie sollte ich da abends irgendwo in der Pampas ein Zelt aufschlagen, am Laptop meine Berichte schreiben, Fotos von der Kamera laden und für den Druck bearbeiten und das ohne Strom. Das ginge überhaupt nicht. Ich brauche abends ein Hotel, um zu duschen, zu essen und meine Arbeit zu machen. Das sind jeden Tag noch mal ein paar Stunden.

 

Es ist ja auch keine in mich gekehrte Pilgerreise die ich hier mache. Das würde ich bestimmt auch noch mal gerne machen, aber dann für zwei, drei Wochen ohne den ganzen technischen Firlefanz und mit acht Kilo Gepäck. Das was ich jetzt mache ist eher eine Expedition und ich will so schnell und so gut es geht von A nach B. Ich bin jetzt vier Wochen unterwegs und diese Reise tut echt weh. Natürlich habe ich viel Zeit zum Nachdenken und ich erfahre hier auch so Einiges über mich. Jeden Tag muß ich mich selbst überwinden, die Zähne zusammenbeißen und mit der doch recht einsamen Situation zurechtkommen. Von den körperlichen Schmerzen und Strapazen habe ich nur einen Bruchteil berichtet, weil ich nicht jeden Tag jammern will. Man muß sich auch vor Augen halten, daß ich in dieser Woche zweiundfünfzig werde und einen gewissen Tribut muß ich dem Alter schon zollen, auch wenn ich es nur ganz ungern zugeben will.

 

Wenn ich später zu hause meinen Reisebericht überarbeite, werde ich bestimmt noch persönlichere Dinge einfließen lassen. Jetzt habe ich gar keine Zeit dazu. Bei meinen schriftstellerischen Fähigkeiten ist es schon eine Herausforderung, jeden Tag meinen Bericht so zu formulieren, das er lesbar ist. Ich tippe abends mit meinem zwei Finger Suchsystem und lese meist nicht mal Korrektur. Und das dauert schon lange genug.

 

Und jetzt wieder zum heutigen Geschehen: Ich hatte auf der Karte einen Wanderweg entdeckt, der von Vic sous Thil, etwa zwei Kilometer vom Hotel gelegen, bis nach Saulieu ging. Das war zwar keine weite Strecke, aber ich dachte mir, daß nach dem vielen Asphalt Laufen eine Abwechslung mal ganz gut täte. 

 

In Vic sous Thil fand ich den Einstieg in den Wanderweg auch gut, ausnahmsweise war der hervorragend ausgeschildert. Leider versperrte mir am Dorfausgang vor einem Haus ein großer, schwarzer Hund den Weg. Er kläffte mich an, kam ganz nah heran und fletschte böse die Zähne. Ich versuchte es mit einem herrischen „Aus“ , daß machte ihn aber noch wütender. Auch auf die entgegengehaltenen Wanderstöcke reagierte er mit noch heftigerem Zähnefletschen. Ich hatte meine Hand schon am Pfefferspray als sein Herrchen um die Ecke schoß, den Hund am Kragen packte und sich tausend Mal bei mir entschuldigte. Ich hasse diese Aufregungen am frühen Morgen.

 

Der Wanderweg führte noch an einigen Feldern und kleinen, versteckt liegenden Gehöften vorbei um dann endgültig in einem nicht enden wollenden Wald zu verschwinden. Einige kurze Regenschauern überraschten mich, die ich aber jedes Mal unter Bäumen geschützt abwartete. Die einzigen Menschen, die ich heute traf, waren ein paar Waldarbeiter, die mit Kettensägen den Wildwuchs lichteten. Ich überquerte drei Straßen und eine Eisenbahnlinie und das letzte Teilstück führte mich durch einen Urwald, der so finster war, das mir ein bisschen unheimlich wurde. Ich mußte unwillkürlich an den verfluchten Schnatermann aus der Regenballade denken. Der aufgeweichte Boden quatschte unter meinen Schuhen, die Luft war feucht und heute äußerst kalt und der Wald links und rechts so dunkel, daß man die Augen zusammenkneifen mußte um etwas in dem Gewirr von bemoosten Bäumen zu erkennen. 

 

Wenn ich dann solche Wege gehe, ist mir gar nicht mehr bewußt, daß ich nach Mallorca will. Raus aus dem Wald ist mein Ziel und das nächste Dorf. Ich kann mir auch nur noch schwer vorstellen, daß ich vor vier Wochen aus Düsseldorf gestartet bin. Im Moment habe ich das Gefühl, mein Leben ist laufen,laufen,laufen und zwischendurch schlafen.

 

Irgendwann wurde mein Waldweg breiter und steiniger. Ein Schild am Rande sagte mir, daß ich mich auf dem Voie Romaine befand, dem Römischen Weg. Hier hatten die alten Römer vor 2000 Jahren eine sechzehn Meter breite, zweispurige Karrenbahn durch die Wildnis getrieben. Ab und zu wurden sie bestimmt von gefährlichen Galliern überfallen und so richtig vermöbelt. Die Misteln für den Zaubertrank hängen hier heute noch in allen Bäumen.

 

Saulieu ist kein besonders aufregender Ort, hier gibt es einen See und einen Campingplatz, Kirchen und, oh Wunder, auch Kneipen. Im Hotel habe ich ein Zimmer mit technisch perfekter Ausstattung. W-LAN, Heizung, breite Steckdosenleisten, Minibar, Safe, Fön und der übliche Rest. Aber alles das ist untergebracht in dem kleinsten Zimmer, das ich bis jetzt hatte. Zwischen Fußende vom Bett und Wand sind gerade mal 25 Zentimeter zum durchstolpern. Und hier am Schreibtisch müßte ich die Füße eigentlich in die Minibar stellen, um bequem zu sitzen. Aber das ist mir zu kalt. Na ja, man kann nicht Alles haben…

 

 

Etappe:    Precy sous Thil bis Saulieu

Region:   Bourgogne

Luftlinie: 13,6

Kilometer: 19,2

Schritte: 24020

Wanderzeit: 4 Std 17 Min.

WDG (Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit) 4,5 kmh

Flugminuten: 1