Tag 26: Les Riceys – Gigny

Tag 26: Les Riceys bis Gigny   –   12. Mai 2007

 

Ich hatte heute morgen gar keine rechte Lust, das Hotel zu verlassen. Hier hatte ich mich richtig wohl gefühlt. Der Himmel war grau und es war recht kühl. Zum Glück regnete es aber nicht. 

 

Auf halbem Weg nach Molesme sagte mir ein Schild, daß ich jetzt die Champagne verließ und die Bourgogne mit dem Distrikt Cote-D’Or begann. Es ist immer ein erhebendes Gefühl, wenn man ein neues Teilstück beginnen kann. Der Weg führte über eine wenig befahrene Landstraße vorbei an Wäldern und Feldern ins Dorf Molesme. Zu meiner Überraschung gab es hier sogar eine kleine Bar, die geöffnet hatte. Ich aß mein bestelltes Baguett halb auf, der Rest kam als Wegzehrung mit in den Rucksack.

 

Weil ich nicht den ganzen Weg bis Laignes, wo ich übernachten wollte, an der Hauptstraße entlang gehen wollte, bog ich zwei Kilometer nach Molesme auf eine winzige Nebenstraße ab nach Vertault. Das war ein winziges Dörfchen, natürlich mit einer großen Kirche. Der Ort war wie ausgestorben, fast schon gespenstisch. Nicht eine Menschenseele war hier zu sehen oder zu hören. Vor der Kirche lag ein alter Friedhof mit so verwitterten Grabsteinen, wie ich sie selbst in Hollywood Gruselschockern nicht besser gesehen habe. Ich machte hier eine Menge Fotos; solche Motive findet man selten. 

 

Die Landstraße war einspurig und eng, aber hier fuhr sowieso kein Auto. Bis zum nächsten Dorf, Channay, hatte ich mal eine ganze Straße für über eine Stunde für mich alleine. Von dort bog ich dann wieder ab zur Hauptstraße und kam nach Laignes. Aber ein Hotel gab es hier nicht. Zwar gab es ein Schild, das auf Fremdenzimmer hinwies, aber wen ich auch fragte, keiner wußte was darüber. Die Touristen Info hatte geschlossen und so setzte ich mich in ein Cafe, trank eine Cola und packte mein Laptop aus. Ich versuchte ins Internet zu kommen um dort nach Hotels in der Nähe zu fahnden. Aber ich kam nicht ins Internet. Irgendetwas an meinen Einstellungen mußte sich verstellt haben, als im Hotel Le Marius das Wireless Lan Netz benutzt hatte. 

 

Mir blieb nichts Anderes übrig als weiterzulaufen. Bis Gigny waren es noch einmal sechs Kilometer. Als ich näher kam sah ich, daß es auch ein ganz kleines Dörfchen war. Mit 99 Einwohnern, wie mir später gesagt wurde. Meine Hoffnung hier eine Bleibe zu finden sank sehr schnell. In einer Seitenstraße hörte ich Stimmen. Ich ging hin und sah ein Paar, daß im direkt an der Straße liegenden Garten arbeitete. Sie sprachen über den Zaun hinweg mit einem Nachbarn. Ich fragte, ob es hier im Ort oder in der Nähe ein Hotel oder Fremdenzimmer gäbe. Man überlegte und beriet sich und kam zu dem Schluß, daß ich hier ziemlich aufgeschmissen wäre. Der jüngere Mann auf der Straße sprach relativ gut Englisch. Er versicherte mir, daß ich heute nicht mehr so weit laufen könnte, daß ich ein Hotel fände. 

 

Aber er hatte eine Superidee. Neben dem Garten stand ein älterer Wohnwagen, aber noch ganz gut in Schuß. Inzwischen war noch seine Frau und zwei kleine Kinder und eine weitere Nachbarin dazugekommen. Ich erzählte kurz , daß ich von Deutschland nach Spanien laufen würde und alle waren sich auf einmal einig, daß ich in dem Wohnwagen schlafen müßte. Samuel, wie mein Retter hieß und seine Frau Virginie schafften ein paar Flaschen Bier heran. Auf die Problemlösung wurde erst einmal angestoßen. 

 

Später reparierte Samuel noch eine Stromleitung und legte sie von seinem Haus quer über die Straße, damit ich auch Licht hatte. Dann kam er noch mal mit einem ganzen Tablett voll feiner Sachen. Brot, Schinken und Käse, noch mal ein Fläschchen Bier und ein Glas Rotwein. Und er schien richtig Spaß daran zu haben , mich armen Wanderer zu bewirten und zu beherbergen. 

 

Jetzt, wo ich hier im Wohnwagen sitze und schreibe, bin ich ganz gerührt über so viel Hilfsbereitschaft, die auch noch im genau richtigen Moment wie aus dem Nichts kommt. Ich hätte auch gar nicht mehr weiter gehen können. Das nächste Dorf ist noch kleiner und dann kommt ein ganzes Stück nichts mehr.

 

Das mit dem Internet bereitet mir ein bisschen Sorgen. Ich habe es auch nach einigen Versuchen nicht geschafft, die richtige Einstellung wieder hinzukriegen und morgen ist Sonntag, da muß ich Berichte und Fotos schicken.

 

 

Etappe:    Les Riceys bis Gigny

Region:   Champagne – Bourgogne

Luftlinie: 21,7

Kilometer: 29,5

Schritte: 36895

Wanderzeit: 6 Std 43 Min.

WDG (Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit) 4,4 kmh

Flugminuten: 2