Tag 22: Bar sur Aube – Bar sur Seine

Tag 22:  Bar sur Aube bis Bar sur Seine   –   8. Mai 2007

 

Als ich heute morgen aus dem Fenster schaute regnete es in Strömen. Ich ging frühstücken und packte meinen Rucksack wie jeden Morgen. Um neun Uhr war ich soweit, zu gehen. Und siehe da, der Regen hatte aufgehört und vereinzelt öffnete sich der Himmel blau zwischen weißen und grauen Wolken.

 

Ich durchquerte die Innenstadt von Bar sur Aube und dann begann eine Steigung, die es in sich hatte. Genauso wie gestern das letzte Stück nur bergab ging, zog die Straße sich jetzt in Serpentinen den Berg hinauf. Nach einer drei Viertel Stunde, ich war immer noch am Berg, begann es zu nieseln. Der Himmel hatte sich wieder zugezogen. Man konnte erahnen, daß da noch viel Regen in der Luft war. Dichte graue Wolken zogen schnell über die Wälder und die Hoffnung, diese Etappe trocken zurückzulegen, sank.

 

Ich verkroch mich unter dem schräg gewachsenen Stamm einer alten Buche mit dichtem Blätterdach. Hier war ich erst einmal im Trockenen. Ich hoffte immer noch, das der Schauer enden würde. Aber es goss immer heftiger, so daß es nach einer Weile auch durch die Blätter tropfte. Es half nichts mehr, heute mußte mein sexy, roter Regenponcho eingeweiht werden.

 

Wie man ihn überwirft, hatte ich schon mal auf’s Peinlichste auf einer Probewanderung in Essen-Kettwig ausprobiert. Zehn Minuten hatte ich gebraucht, bis ich ihn endlich über den Rucksack gezogen hatte. Das erfordert nämlich eine ganz bestimmte Technik. Wenn man ihn einfach so überzieht, bleibt der hintere Teil zwischen Kopf und Rucksack hängen, und da man keine Kugellager in den Schultergelenken hat, gibt es keine Chance, ihn da raus zu bekommen. Wenn mich damals jemand an der Bushaltestelle in Kettwig gefilmt hätte, er hätte den Streifen sofort an diese Fernsehsendungen mit den lustigen Clips verkaufen können.

 

Jetzt warf ich das Teil mit einem gekonnten Schwung ganz nach hinten und arbeitete mich dann vorn mit dem Kopf und den Armen durch. Und dann stellte ich mich als laufendes Zelt dem Regen. 

 

Durch den Regen zu gehen war gar nicht so unangenehm, wie man sich das vorstellt. Außerdem bedeutete schlechtes Wetter auch weniger Verkehr. Heute ist in Frankreich ein Feiertag, der irgendetwas mit dem Ende des zweiten Weltkriegs zu tun hat, Nationalfeiertag. Und da bleiben natürlich bei Sauwetter alle gemütlich zu Hause. Alle fünf Minuten kam mal ein Auto, und die machten einen großen Bogen um das wandelnde Warnsignal. 

 

In Bligny stellte ich die Kamera in einem Schutzhäuschen, die hier fast in jedem Dorf zu finden sind, auf die Bank, und schoß ein schönes Selbstportrait. 

 

Auf der Straße waren außer mir unheimlich viele Schnecken unterwegs. Kleine, dünne Dunkelbraune und etwas  größere in einem leuchtenden Orange. Die sahen jungen Möhrchen zum Verwechseln ähnlich. Ansonsten waren Grün und Grau die vorherrschenden Farben. 

 

In Vitry hielt ein Wagen, der mir entgegenkam, direkt neben mir. Zwei Damen um die sechzig saßen darin. Die Beifahrerin öffnete die Tür ein Stück, sprach mich auf französisch an, wechselte aber sofort in ein gestochenes Englisch mit diesem gewissen hochnäsigen Akzent. Sie sagte, sie sähe mich hier so „bravely“ wandern und wollte jetzt von mir wisssen, sich die Region zum Nordic Walken eignen würde. Ich sagte ihr, daß die Gegend zwar klasse wäre, aber das ich hauptsächlich über Straßen liefe, um den kürzesten Weg zu gehen. Dann legte sie richtig los. Ja, es gäbe hier viel zu wenig Rad und Wanderwege, sie wäre Holländerin und würde gern Touristen in diese Gegend holen, was ich denn davon halten würde usw. usw..

 

Ich stand gebeugt im Regen vor dem Auto, sie saß im Trockenen. Ich wollte ja nicht unhöflich sein, aber da ich den Eindruck hatte, daß sie sich nur selber gern zuhörte, und das Gepräch endlos wurde, beendete ich es knapp. Ich wünschte ihr viel Glück bei der Umsetzung ihrer Ideen und sagte ich müsse jetzt weiter.

 

Und dann wieder die Kühe. Als ich mit meinem riesigen Poncho an einer Herde Schwarz-Bunter vorbeiging, nahmen sie in wilden Galopp Reißaus. Ganz anders allerdings reagierten etwas später die Weißen. Ich habe gar nicht mehr genau hingeschaut, aber ich glaube, es waren junge Stiere. Obwohl sie auf einer großen Weide ziemlich weit von mir entfernt waren, kamen alle auf mich zugestürmt, gebärdeten sich wie die Wilden, machten Bocksprünge und warfen die Hinterhufe in die Luft. Dabei schnaubten sie wild und liefen durcheinander. Ich bekam es mächtig mit der Angst zu tun. Zum Glück hielt der Zaun sie auf. Der Schreck saß mir noch eine ganze Zeit in den Gliedern. 

 

Während ich jetzt schreibe schüttet es wieder wie aus Eimern. Das Paket mit den Ersatzschuhen ist noch nicht  angekommen. Ich werde wohl einen Tag hier bleiben müssen, kann eine Pause aber auch gut gebrauchen. Allerdings muß ich mir eine andere Bleibe suchen, weil dieses Hotel für morgen kein Zimmer frei hat. Bar sur Seine ist ein schönes Städtchen, wenn es das Wetter erlaubt, mache ich morgen mal ein paar Fotos…

 

 

 

Etappe:   Bar sur Aube bis Bar sur Seine

Region:   Champagne Ardenne

Luftlinie: 28,4

Kilometer: 35,2

Schritte: 44051

Wanderzeit: 9 Std. 14 Min.

WDG (Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit) 3,8 kmh

Flugminuten: 2,5