Tag 19: Bar le Duc – Saint Dezier

Tag 19:  Bar le Duc bis Saint Dezier   –   4. Mai 2007

 

Als ich heute morgen um sieben aus dem Fenster sah, war der Himmel grau und es regnete. Das mußte ja irgendwann mal so kommen. Nach einem kurzen Frühstück und dem morgendlichen, akribischen Packen des Rucksacks klarte es allerdings wieder auf. Der Wettergott meint es eben doch gut mit mir.

 

Nach Saint Diezier, meinem heutigen Etappenziel, führt die Nationalstraße 35 in einer relativ geraden Linie. Das wären gut 20 Kilometer. Nach meinen bisherigen Erfahrungen mit diesen Straßen verspürte ich aber keine große Lust, die ganze Strecke an vorbei rasenden Autos entlang zu laufen. Also entschloß ich mich zu einem Umweg über kleinere Dörfer.

 

Ich lief aber viel zu lange in nordwestlicher Richtung am Marne-Rhein Kanal entlang aus Bar le Duc heraus. Dann mußte ich zurück über Veel nach Combles en Barrois. Dort entdeckte ich zu meiner Überraschung am Ortsausgang eine große, unter Glas ausgestellte Wanderkarte. Ich fand auf ihr einen Wanderweg, der gut meiner Richtung entsprach. Es dauerte zwar etwas, bis ich den Einstieg in diesen Weg gefunden hatte, aber dann ging es bei jetzt wieder herrlichstem Sonnenschein vorbei an Feldern und Weiden Richtung Wald. Dieser Waldweg war einer der schönsten, die ich bis jetzt gegangen war. Und es war total angenehm, den weichen Boden unter den Schuhen zu spüren. Das war etwas ganz anderes als über Straßen zu laufen. Nach einer ganzen Weile kam ich auf eine große Lichtung mit einer Art Wochenendhütte. Dort machte ich Rast und frühstückte ein zweites Mal.

 

Der Weg gabelte sich auf dieser Lichtung und eine Beschilderung war, wie fast überall, nichtvorhanden. Ich entschloß mich, nach rechts zu gehen, merkte aber nach einer Weile, daß ich wieder nach Nord-Westen abdriftete. Ich ging trotzdem weiter und hoffte auf das nächste Dorf.

 

Der Weg schlängelte sich träge in weiten Windungen aus einem Tal heraus. Als erst Kuhweiden und dann Baracken in Sicht kamen, wußte ich, daß es bis zum Dorf nicht mehr weit war. Die Frage war nur: welches Dorf würde es sein.

 

Das wirklich schmucke Dorf mit vielen großzügig gebauten, ziemlich neuen Einfamilienhäusern war zu meiner Enttäuschung Tremont sur Saulx. Ich war noch mal einen Umweg gelaufen.

 

Inzwischen hatte der Wind ungemütlich aufgefrischt und kam in heftigen Böen. Ich lief nun wieder über die Landstraße bis Lisle en Rigault. Als ich dort nach etwa einer Stunde ankam, hatte der Himmel sich dunkelgrau zugezogen. Es fing sogar leicht an zu regnen. Ich wartete unter einem großen Torbogen einer Schule eine Weile ab und als es nur noch ganz leicht nieselte ging ich weiter.

 

Die Landstraße führte jetzt wieder auf die Nationalstraße zu, bis da waren es aber noch vier Kilometer. Ich ging jetzt ein ziemlich hohes Tempo und lief wie automatisch, tack, tack, tack, mit meinen Wanderstöcken. Die Luft war schwer und feucht, und ich spürte zum ersten mal die Einsamkeit der Landstraße. Ich hatte seit ich das Hotel in Bar le Duc verlassen hatte, mit keinem Menschen gesprochen und tackerte Mutterseelen allein durch die Landschaft. Zum ersten Mal stellte ich mir die Frage, was ich hier eigentlich mache.

 

Als ich an der Nationalstraße ankam, zeigte ein Schild mir, daß es immer noch neun Kilometer bis Saint Dizier waren. Ich lief gut zwei Kilometer über den Randstreifen und bog dann ziemlich entnervt nach Boudonvillers, einem kleinen Dörfchen rechts der Hauptstraße, ab. Inzwischen hatte es wieder leicht zu regnen angefangen und in der Ferne war Donner zu hören. 

 

Ich fragte einen jungen Mann, ob hier im Dorf ein Bus fahren würde oder ein Taxi aufzutreiben sei. Er verneinte, bot mir aber an mit ihm zu fahren, er müsse in einer halben Stunde nach Saint Dizier. Das Angebot nahm ich dankbar an. Ich war inzwischen über 28 Kilometer gelaufen um etwa 13 Kilometer Luftlinie zu schaffen. Inzwischen kam ein heftiger Schauer vom Himmel. Ich wartete unter einer Überdachung auf ihn und nach zwanzig Minuten lud er mich ins Auto und fuhr mich zu einem billigen Formel 1 Hotel am Stadtrand.

 

Heute war nicht so ganz mein Tag. Die Waldwanderung war zwar sehr schön, aber die riesigen Umwege haben mich doch etwas entnervt. Morgen ist ein anderer Tag…

 

 

 

Etappe:   Bar le Duc bis Saint Dizier

Region:   Lorraine – Champagne Ardenne

Luftlinie: 20,7

Kilometer: 28,6

Schritte: 35712

Wanderzeit: 6 Std. 17 Min.

WDG (Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit): 4,6 kmh

Flugminuten: 2