Tag 16: Marre – Issoncourt

Tag 16:  Marre bis Issoncourt   –    2. Mai 2007

 

Manchmal fällt der Groschen pfennigweise. Heute morgen verstand ich die Anspielung auf Asterix und Obelix entgültig. Das Hotel hieß „le village gouloise“ was soviel heißt wie „Das gallische Dorf“. Der Besitzer, der ein wenig Deutsch sprach, hatte mir erzählt, daß er alles nach seinen Plänen und mit eigenen Händen erbaut hatte; außerdem war er auch noch der Koch des Hauses. Und zwar ein guter! Zum Abendessen hatte ich Schweinsmedallions in Roquefortsauce mit allerlei Beilagen und das war hervorragend.

 

Heute morgen fasste ich endgültig den Entschluß, einige Sachen aus zu sortieren, um den Rucksack leichter zu machen. Ich ging den kompletten Inhalt durch, und warf alles raus, was ich bis jetzt sehr wenig oder gar nicht benutzt hatte. Stativ und Blitzgerät hatte ich einmal gebraucht, also weg damit. Mein Erste Hilfe Set war zu umfangreich, ich behielt das nötigste, wie Pflaster und eine Verbandsrolle. Der Rest und die Verpackung waren überflüssig. Ein Objektiv hatte ich noch gar nicht benutzt, also auch raus. Ein kleines Ledertäschchen mit Zweittaschenmesser und meine bisherigen Landkarten wurden auch aussortiert. 

 

So kam ich immerhin auf etwa zwei Kilo Gerätschaften, die sich als relativ überflüssig erwiesen. Nach dem Frühstück erbat ich mir vom Hotelier einen Karton, packte alles hinein, und verklebte ihn gut. Die nächste Poststelle war fünf Kilometer entfernt in Charny sur Meuse. Ich schnallte mein Paket auf den Rucksack und freute mich den ganzen Weg, daß ich diese Last bald nicht mehr tragen müßte. Heute blies ein heftiger Wind über die Felder, der viel Staub aufwirbelte. Auch Pollen waren hier wohl reichlich in der Luft, keine gute Gegend für Allergiker. Selbst ich hatte in den letzten Tagen immer mal wieder juckende, rote Augen, obwohl ich meinen Heuschnupfen eigentlich seit über dreißig Jahren los war.

 

Die Konversation im Postamt war etwas mühsam, doch die junge Frau hinter dem Schalter regelte alles zu meiner Zufriedenheit. Zu allem Überfluß fiel mir dort auch noch mein Teleobjektiv aus dem Köcher krachend auf die Fliesen, aber zum Glück hat es den Sturz ohne einen Kratzer überstanden. Als ich jetzt den Rucksack wieder aufsetzte, merkte ich einen deutlichen Unterschied. Die zwei Kilo machten eine Menge aus, er kam mir federleicht vor. So kann man auch mit kleinen Sachen… . Ich freute mich jedenfalls noch eine ganze Weile über die neue Leichtigkeit.

 

Um nicht wieder stupide an der Hauptstraße Richtung Verdun zu laufen, versuchte ich über einen Feldweg, der links am Meusenkanal entlangführte, dorthin zu gelangen. Das ging eine Zeitlang gut. Dann kam das, was ich jetzt schon gut kannte, der Weg wurde schmaler, zusehend mit höherem Gras bewachsen und endete in der Wildnis. Ich mußte über eine verkrustete Traktorspur, die durch ein riesiges Weizenfeld führte, wieder zur Straße zurück.

 

Verdun wurde angekündigt durch ein kleineres Industriegebiet, dann fand ich eine Lidl Filiale und deckte mich mit Multi Vitamin Saft und Cranberry-Müsliriegeln ein. Die schmeckten grauenhaft. Verdun ist ein einziges Kriegerdenkmal. Selbst in der Touristen Info konnte man massenhaft Bücher über den ersten Weltkrieg finden, aber auch ganze Regale mit heroischen Soldatenfiguren aus Plastik. 

 

Nach Souilly, meinem heutigen Etappenziel, ging ich über eine Bundesstraße, die  „Voie Sacree“ heißt, der heilige Weg. Hier hat man jedem Kilometerstein einen Soldatenhelm aufgesetzt. Der Krieg muß hier in den Ardennen so schrecklich gewesen sein, daß selbst fast hundert Jahre danach alles an ihn erinnert.

 

In Souilly angekommen, mußte ich zu meinem Entsetzen feststellen, daß es hier kein Hotel gab. Dabei sah der Ort auf der Karte ziemlich groß aus. Ich ging weiter, obwohl es schon nach fünf Uhr war. Der nächste Ort, Heippes, war vier Kilometer entfernt. Ich habe zwar nichts mehr über den Zustand meiner Füße geschrieben, was aber nicht heißt, daß sie in Ordnung sind. Erst gestern hatte ich mir drei neue Blasen gelaufen, alle links, eine an der Ferse, zwei am großen Zeh. Gerade als Heippes in Sicht kam, platzte die Blase an der Ferse mit einem stechenden Schmerz. Das Dorf mußte meine Rettung sein. 

 

Ich lief zur Kirche, die direkt neben der Hauptstraße stand. Kein Mensch war auf der Straße zu sehen. Ein paar Häuser weiter stand ein verbeulter, roter Kombi mit offener Tür auf der Straße. Offene Tür war ein gutes Zeichen, da mußte früher oder später jemand kommen. Ich ging näher und hörte Stimmen in einer Garage. Heraus kamen eine ältere Hausfrau mit Kittelschürze und ein total zerzauster, zirka einssechzig großer Handwerker mit schwarzem Haar und wildem Vollbart. Der sah nun wirklich aus wie aus einem Asterixheft.

 

Nun begann eine Unterhaltung der Extraklasse: Hausfrau aus 70 Seelen Dorf spricht mit beklopptem Wanderer, der kein französisch kann.

Ich fragte die Frau, ob man hier im Dorf schlafen könne. Sie sagte, hier gäbe es nichts. Ich antwortete, ich wäre auch mit einer Garage zufrieden. Auch das ginge nicht. Aber es käme noch ein Bus der mich nach Bar le Duc bringen könne. Ich gab ihr zu verstehen, daß das mit dem Bus nicht ginge, ich müsse laufen. Sie schaute mich seltsam von der Seite an.  Nach einem Moment der Besinnung folgte ein längerer Redeschwall ihrerseits, aus dem ich das Wort „Compostella“ heraushörte und der mit einem Fragezeichen endete. Sie hielt mich jetzt für einen Pilger und wahrscheinlich nur noch für halb so verrückt. Ich versuchte das spanische Wort für „so ähnlich“ , nämlich „similar“ möglichst fränzösisch durch die Nase zu sprechen und siehe da, sie hatte verstanden. Jetzt wollte sie wissen ob ich Geld hätte, was ich bejahte. Drei Kilometer weiter im nächsten Dorf sei ein Hotel, das wäre aber sehr teuer. Das sei mir egal, sagte ich ihr und machte mich wohl oder übel wieder auf die Socken. 

 

Die Schatten waren jetzt schon lang, so eine endlose Etappe war ich bis jetzt noch nicht gelaufen. Kurz vor dem Dorf Issoncourt durchkreuzte eine Eisenbahntrasse schnurgerade die Landschaft. Sie war komplett mit hohen Zäunen umgeben, überall hingen Warnschilder in allen möglichen Farben. Die Schienen waren gesichert wie Fort Knox. Später sah ich auf meiner Landkarte, das es sich um die Streckenführung des T.G.V. handelte. Um viertel vor acht kam ich am Hotel an und bekam ein Zimmer. Ich duschte und ging dann ins hauseigene Restaurant um abend zu essen. Es gab nur sechs Tische, von denen die Hälfte besetzt war. Ich bekam die Karte und stand schon wieder vor einem Problem, ich verstand kein Wort. Aber alles sah sehr vornehm und teuer aus. Die Weinkarte lehnte ich ab, ich wollte ein schönes kühles Bierchen. Die Bedienung sprach ein wenig Englisch und ich machte ihr klar, daß ich auf keinen Fall Fisch wollte. Da hatte ich nämlich ein uraltes Kindheitstrauma, sozusagen eine Fischphobie, weil meine Oma mich zum Fischessen gezwungen hatte. Ich sah auf der Karte „Terrine de maison“ und stellte mir eine dampfende Suppenterrine mit reichlich Gemüse vor, dazu ein gutes Stück Brot, das Richtige nach einem anstrengenden Wandertag. Aber was jetzt folgte, hätte Loriot nicht besser erfinden können, auch wenn ich mich damit vielleicht als Kulturbanause oute.

 

Zum Auftakt brachte die Chefin persönlich eine winzige Moccatasse mit einem Löffelchen aus der Puppenstube auf der Untertasse. Sie sagte was das sei, was ich natürlich nicht verstand. Ich bedankte mich artig und wußte jetzt nicht, mußte ich das mit diesem Löffel essen oder aus der Tasse trinken. Ich probierte erst die Löffelvariante, es schmeckte nach Gemüsecremesuppe. Aber mehr als Geschmack bekam ich mit dem Löffel nicht auf die Zunge. Also trank ich aus der Tasse, wobei ich mich aber auch unwohl fühlte. Ich schaute mich kurz um, ob ich beobachtet wurde und leerte das Tässchen schnell mit einem Schluck. 

 

Was hätte ich in diesem Augenblick für ein leckeres Schnitzel mit Pommes und Salat gegeben. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Mit immer noch knurrendem Magen wartete ich auf meine Gemüsesuppe, vielleicht mit Fleischeinlage, wer weiß?

 

Ich mußte sehr um meine Fassung kämpfen, als auf einem riesigen Teller drei dünne, kalte Scheiben wurstiges Irgendwas, mit Nüssen durchzogen, eine kunstvoll aufgefächerte Gewürzgurke und zwei Salatblätter herangetragen wurde. Ich konsultierte sofort meinen Übersetzungscomputer und siehe da, „Terrine de maison“ ist eine hausgemachte Fleischpastete. Das war also jetzt mein Abendessen und ich beschloß, beim nächsten mal vorher zu übersetzen… 

 

 

 

Etappe:    Marre – Issoncourt

Region:   Lorraine – Frankreich

Luftlinie: 26,9

Kilometer: 39,3

Schritte: 49063

Wanderzeit: 10 Std. 49 Min.

WDG (Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit): 3,6 kmh

Flugminuten: 2,5