Tag 14: Virton – Marville

Tag 14:   Virton bis Marville   –   30. April 2007

 

Adieu Belgien! Fronkreisch bonjour! Heute ist es soweit, die nächste Grenze wird überschritten.

 

Der Tag ging heute schon gut los, ich fand eine Abkürzung quer durch den Wald vom Hotel zur Hauptstraße und sparte fast einen Kilometer. In der Touristeninfo in Virton wollte ich mir noch eine Karte der Lorraine kaufen, aber die hatten nur belgische. War nicht so schlimm, weil am alleruntersten Zipfel meiner jetzigen Karte noch Marville hing; da wollte ich heute hin.

 

Nach dem es gestern ein bisschen geregnet hatte, war heute wieder ideales Wanderwetter. Ich zog sogar seit Tagen zum ersten Mal wieder die Jacke an. Ein freundlicher Belgier wies mir den richtigen Weg aus der Stadt. Es ist manchmal gar nicht so einfach aus dem Straßengewirr heraus zu finden, weil die Beschilderung oft irreführend ist. Ein paar Kilometer hinter Virton kam ich an einem riesigen Werk für Holzpellets vorbei. Hier lagen ganze Wälder um geschrotet zu werden. Und ein Lastwagen nach dem anderen brachte neue Stämme.

 

Eine Straße nur für mich

Eine Straße nur für mich

Ab Harnoncourt hatte ich für ein paar Kilometer eine ganze Landstraße für mich allein. Vollsperrung wegen Bauarbeiten, aber es arbeitete niemand. Das kannte ich gut von deutschen Autobahnen. In Lamorteau war die neue Straße schon fertig. Und das ganze Dorf sah viel gepflegter aus als die kleinen Dörfer, die ich bis jetzt in Belgien passiert hatte. Ein junger Mann, der mit eiligen Schritten Prospekte von Tür zu Tür brachte, grüßte freundlich und fragte mich mich einem verschmitzten Lachen, ob ich nicht die Prospekte für meine Richtung mitnehmen könne. Ich kapierte den Gag natürlich erst beim zweiten Mal und als er auf die Prospekte zeigte. Wenn man die einheimische Sprache nicht spricht, kommt man sich immer leicht behindert vor. Auf jeden Fall lachten wir gemeinsam und das kann nie verkehrt sein.

Ich machte auf einer Bank unter einem großen Baum Rast und verstaute die Jacke wieder im Rucksack, denn die Temperatur war schon wieder beachtlich gestiegen.

 

Dorf am Wegesrand

Dorf am Wegesrand

 

Schöne Landschaft

Schöne Landschaft

Die Landschaft wurde jetzt immer schöner, man konnte sie mit Fug und Recht als lieblich bezeichnen. Ich hatte einen weiten Blick über sanfte Hügel, und die frische Luft roch nach Gras und Blüten und Kühen. Ein herrlicher bunter Frühlingstag! Als ich dann nach Torgny kam, war ich überrascht. Hier herrschte ein total südländischer Flair. Hier standen Häuser, wie ich sie aus meiner Mallorcazeit kannte. Schiefe Natursteingemäuer, bunte Fensterläden, auf den Dächern Mönch und Nonne, Stühle und Bänke vor den Haustüren und ein kleinwenig verwilderte Vorgärten, das macht doch den Charme des Südens aus. Und all das fand ich hier im letzten belgischen Dorf vor der Grenze. Ich war so begeistert, das ich sogar Umwege lief, um Fotos zu machen. Das war mir bis jetzt auf der Reise noch nicht passiert, denn Umwege hießen ja noch mehr laufen.

Torgny hat südländischen Charme

Torgny hat südländischen Charme

Aus diesem schönen Dörfchen heraus waren es nur noch ein paar Meter bis zur Grenze. Eine kleine Brücke führte hier über die Chiers und an deren Ende stand das blaue Schild mit den Europasternen. Warum da direkt unter „France“ auch „Yokohama“ stand, war mir in dem Augenblick völlig Wurscht. Ich sah nur das Schild und im passenden Abstand einen Brückenpfeiler, der mir als Stativ für eine Selbstauslöser Aufnahme dienen konnte. Das war schon ein erhebender Augenblick, ich war zu Fuß in Frankreich angekommen. Meine  Füße wollten zwar einwenden, daß Frankreich ziemlich groß und die nächste Grenze ziemlich weit weg sei, aber das interessierte mich in dem Moment herzlich wenig.

Die zweite Grenze

Die zweite Grenze

Auf einem Feldweg, ein gutes Stückchen weiter, traf ich zwei Wanderkollegen. Bart und Caroline aus Brüssel gingen in die entgegengesetzte Richtung. Wir unterhielten uns, Bart zeigte mir sein GPS-Gerät und wunderte sich, wie ich diesen Feldweg mit der Karte finden konnte. Für zehn Minuten waren wir die besten Freunde, Caroline machte ein Foto von Bart und mir mit Wanderstöcken und dann zogen wir wieder unseres Weges.

Begegnung mit Bart

Begegnung mit Bart

Im Dorf Othe legte ich noch mal ein Päuschen ein um mich danach wieder ins Abenteuer zu stürzen. Obwohl mir ein alter Waldarbeiter abriet, der kurz hinter Othe mit ein paar Kollegen am Waldrand beschäftigt war, ging ich den Waldweg. Er sagte mir der Weg sei hart, mir aber war die harte Abkürzung lieber als der wesentlich längere Weg auf der Straße. 

Aber dieser Waldweg hatte es wirklich in sich. Zuerst war er breit, aber völlig zerfurcht von schweren Maschinen. Der Lehm war knochentrocken und schwer zu gehen. Dann wurde der Weg zu einem schmalen Pfad der von vielen umgefallenen Bäumen versperrt war. Außerdem war der Wald zum Fürchten dunkel. Eine fünfzehntel, Blende vier, am helllichten Tag. Da weiß zumindest der Fotograf, wie duster es war. Und seltsame Geräusche kamen auch von den Seiten. Ich dachte wieder an die Wildschweine und beeilte mich da raus zu kommen. Ich atmete auf, als ich den Waldrand sah.

Aus dem Wald übers Feld

Aus dem Wald übers Feld

Gern hätte ich mein Gesicht gesehen, als ich aus dem Wald ins Helle trat. Der Weg war weg, ich stand vor einem endlos großen Kornfeld. Soweit das Auge reichte nur Gerste, Weizen und Raps. Wohl oder übel mußte ich jetzt ein paar Halme platt treten. Irgendwo ganz hinten sah ich einen Sendemast auf einem Hügel. Sendemast gleich Straße, also stapfte ich durch die zum Glück gerade mal kniehohen Halme dorthin. Ich kam sogar ziemlich genau da aus, wo ich hin wollte. Nach vier weiteren Kilometern war ich in Marville, fand schnell ein einfaches Hotelzimmer mit Duschkabine aus einem Guß und mußte erst mal schlafen. Die Füße taten natürlich wieder weh, aber nicht mehr so schlimm.

Mein Hotel in Marville

Mein Hotel in Marville

Um acht setzte ich mich an den Computer und mußte feststellen, daß sich mein Foto-Verwaltungsprogramm aus unerklärlichen Gründen verabschiedet hatte. Ich fand die Fotos zwar auf der Festplatte wieder und sicherte sie auch gleich auf DVD, aber das war Zeit und Nerv raubend. Jetzt ist es ein Uhr sechsunddreißig und ich falle gleich rückwärts vom Laptop ins Bett…

 

 

Etappe –  Virton – Marville

Region:  Luxembourg – Belgien / Lorraine – Frankreich

Luftlinie: 13,5

Kilometer: 24,9

Schritte: 31169

Wanderzeit: 5Std. 57 Min.

WDG (Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit) 4,2 kmh

Flugminuten 1