Die Vorbereitung

Die Vorbereitung

 

Nun war ich ja sozusagen Wandernovize,  hatte nicht die geringste Ahnung von einer professionellen Tourplanung  und was sonst noch zu tun wäre. Es könnte nicht schaden, dachte ich mir, wenn ich zuerst einmal die Route festlegen würde. In Ruhe die Theorie abarbeiten und sich dann der Praxis zuwenden. Gesagt, getan. Am nächsten Morgen verschwand ich in meinem Arbeitszimmer, warf den Computer an und klickte auf eine blauweiße Murmel in der Programmleiste. Die dreidimensionale Erdkugel von Google Earth erschien. Eine Komplettfotografie unserer Erde aus abertausenden von Satellitenaufnahmen zusammengesetzt. Auf diesem Programm ist es möglich,  die parkenden Autos vor unserer Haustüre, nein, vor jeder Haustüre zu identifizieren. Ein Wunder der Technik. Man sieht die Erde nicht nur platt von oben, sondern kann die Oberfläche per Mausklick kippen, so daß man wie mit einem Hubschrauber in alle Richtungen über Berge und Täler schwebt. Ein tolles Männerspielzeug! Alle Orte dieser Welt kann man besuchen und braucht nur aufzustehen, um mal was aus dem Kühlschrank zu holen oder zum Klo zu gehen.

 

An den folgenden Tagen sah Susanne mich selten. Ich war so sehr damit beschäftigt mich am Computer durch Belgien und Frankreich zu schlagen, daß ich auch schon mal das Mittagessen vergaß. Kleine Erholungspausen verbrachte ich damit, mich bei Trekking-  und Outdoor-ausstattern im Internet nach so lebenswichtigen Ausrüstungsgegenständen wie Schrittzähler, Kompass und Ohrbügellampe umzuschauen. 

 

Nach etwa einer Woche war der Weg festgelegt. Das Studieren von Reiseführern hatte immer wieder Änderungen der Streckenführung nach sich gezogen. Aber jetzt steckten zirka dreihundertfünfzig gelbe Ortsmarken in relativ gerader SüdSüdWest Ausrichtung zwischen Düsseldorf Airport und Barcelona Hafen. Die Strecke war zehnmal „abgeflogen“, die Orte überprüft, alles doppelt und dreifach gesichert, weil mir das Trauma eines kürzlichen Festplattencrashs in den Knochen steckte, alle Teilstrecken noch einmal in hunderten von Einzelbildern extra gesichert, damit ich auch ohne Internetverbindung an die Informationen komme und das Ganze auch noch in vierhundert Bildern als Straßenkarte in Stadtplangröße abgespeichert.

 

Ich erkannte, daß man vom Wandern auch Schwielen am Hintern und eine Bindehautentzündung bekommen konnte. Aber jetzt war die Zeit gekommen, mich um Blasen an den Füßen und Wadenkrämpfe zu bemühen…

 

Wanderschuhe besaß ich ja schon. Für den Kuraufenthalt in Gastein hatte ich mir ein Paar Billigexemplare von Deichmann zugelegt. Die waren auch gar nicht schlecht. Obwohl ich normale Socken in ihnen trug, holte ich mir nur bei der allerersten Strecke eine kleine Blase. Damals wußte ich noch nichts von der Schuh- und Sockenproblematik beim Wandern. Das sollte sich jetzt ändern!

 

Ich lief also meine Trainingsrunden mit den eingelaufenen Schuhen und Normalsocken, dehnte die Strecken schnell  auf fünfundzwanzig Kilometer aus, und kam mit leichten Fußschmerzen aber ohne Blessuren wieder zu hause an. Ich war im naiven Glauben, daß ich in diesen Schuhen die große Wanderung angehen könnte und das sie auch 1700 km durchhalten würden.

 

Da hatte ich die Rechnung aber ohne die eingeschworenen Trekkingfans in meinem Freundeskreis gemacht. Man beschwor mich, nicht zu glauben, daß ein Paar Schuhe diese Strapaze mitmachen würde. Schon gar nicht diese Billigtreter. Es mußten teure und stabile „echte“ Wanderschuhe gekauft werden. Die Trekker nahmen mich samstags mit zu Karstadt, dort gäbe es gerade eine Sonderaktion in der Wanderabteilung. Außerdem waren sie über eine entfernte Bekannte an eine Personal-Einkaufskarte gelangt, was noch mal irre Prozente ausmachen würde. 

 

Ich probierte ein Paar nach dem anderen. Mal drückte es hier, mal scheuerte es da, mal schlappte die Ferse. Die Verkäuferin schleppte unter verbalem Dauerfeuer meiner Expertenrunde Schuh um Schuh an. Ich hatte meine erste Begegnung mit Wandersocken, die sie mir zur korrekten Anprobe der schweren und harten Treter zur Verfügung stellte. Irgendwann hatte ich ein Paar, daß einigermaßen passte und schon fast aus Pflichtgefühl gegenüber meinem Expertenrat und der sich langsam verausgabenden Angestellten bekundete ich Kaufinteresse. Die Verkäuferin versicherte mir noch, daß ich die Schuhe am Wochenende im Haus ausprobieren dürfe, und, wenn sie mir doch nicht zusagten, am Montag umtauschen könne.

 

Die Erfahrenen rieten mir noch, ich solle die Wanderstiefel das ganze Wochenende über nicht ausziehen, am besten solle ich in ihnen schlafen. Ich bezahlte hundertzehn Euro für die Schuhe und fünfzehn für ein Paar Strümpfe und war froh, der Situation zu entfliehen.

 

Am folgenden Montag stand ich bei Karstadt mit Quittung und Schuhkarton und wollte mein Geld zurück. Der linke Schuh drückte. Leider war das Umtauschen ohne die Personalkarte nicht möglich. Ich rief also meine Trekkingfreunde an, aber die hatten sie schon zurück gegeben. Auch die weitläufige Bekannte hatte die Karte schon an ihre Besitzerin in Köln weiter geleitet. Kurz, es war trotz zweiwöchiger Bemühungen und eines Beinahestreits mit den Trekkern, die sich zwar irgendwie verantwortlich fühlten, sich aus diesem Gefühl heraus aber sofort vehement verteidigten, nicht mehr an die Karte zu kommen.

 

Ich schloß mit dem Gedanken Frieden, ein Paar zu enge Wanderschuhe zu haben, hatte aber die Hoffnung, daß ein erfahrener Schuster da noch etwas hinbiegen könne. Von Kindestagen an kannte ich die „Besolei“, ein Schusterladen in der Stadtmitte, der seit den fünfziger Jahren alle Modernitäten erfolgreich fern halten konnte. Seit ich an der Hand meiner Mutter zum ersten Mal diese Geschäftsräume betreten hatte, schien sich hier nichts mehr geändert zu haben. Die Inneneinrichtung aus gelblichem Holz und Glasvitrinen erinnerte irgendwie an die Klassenzimmer meiner Grundschule. Dieser Eindruck und der angenehme Geruch von Leder und Schuhwichse suggerierten meinem Unterbewusstsein Vertrauen. 

 

Der Schuster war ungefähr mein Jahrgang. Er war wohl das Einzige, was man im Laufe der Jahre hier ausgewechselt hatte. Ich erklärte ihm ausführlich die drückenden Stellen. Hauptsächlich am linken Schuh wären die Schwachstellen, der rechte solle nur ganz vorsichtig geweitet werden. Er signalisierte durch wiederholtes Nicken, die Probleme verstanden zu haben.

 

Drei Tage später betrat ich wieder das Geschäft. Heute stand ein recht junger Spund hinter der antiken Ladentheke. Ich reichte ihm meinen Abholschein, er verschwand kurz hinter einem braunen Vorhang und kam zurück mit meinen Schuhen, einem breiten, freundlichen Lächeln und den stolzen Worten: “ Die müßten jetzt passen, wir hatten die extra lange in der Weitemaschine, mehr ging nicht!“

 

Mit doppelten Socken und bei Regen versuchte ich eine Kurztour von zehn Kilometern und hatte danach die dicksten Blasen meiner kurzen Wanderkarriere. Und die neuen Schuhe waren Geschichte.

 

Bis jetzt war ich immer ohne Gepäck oder mit einem kleinen Lederrucksack, den ich seit Urzeiten in meinem Besitz hatte, unterwegs.  Allmählich wurde es Zeit, das Laufen mit realistischer Bepackung zu üben. Ich mußte meine Ausrüstung komplettieren. Im Internet fand ich einen Rucksack mit vierzig plus zehn Liter Volumen. Das war die Größe, die ich mindestens brauchte. Oberste Prämisse bei der Auswahl des Equipments hatte das Gewicht, alles was ich auf meine Reise mitnehmen  und 1700 Kilometer schleppen würde, mußte so leicht wie möglich sein. Allein die Kameraausrüstung und das Laptop wiegen mit allem Schnickschnack wie Kameratasche, Akkus, Ladegerät, Netzkabel, Schutzhülle, Compact Flash Lesegerät und vielen anderen Kleinigkeiten über sechseinhalb Kilo.

 

Elf Kilogramm wollte ich mir eigentlich nur aufbürden, aber ich merkte schnell, daß ich damit nicht auskommen würde. Der Rucksack, obwohl ein wirklich leichtes Model, wog 1700 Gramm. Ein ultraleichter, kompakt gerollter Schlafsack von 650 Gramm kam dazu. Ein Regenponcho in Signalrot, der über dem Rucksack getragen werden kann und unter den Knien zusammengeschnürt wird, brachte 500 Gramm auf die Waage. Bestimmt ein Bild für die Götter, wenn ich damit durch die Gegend trabe!

 

Eine Fotoexpeditionsjacke in Olivgrün mit zwei Innen- und siebzehn! Außentaschen, unheimlich praktisch wenn   man Ordnung hält und das Verstaute wieder findet, sollte mich auch begleiten. Die Ärmel sind abnehmbar, was bei warmen Wetter bestimmt von Vorteil ist. Sie wiegt 1100 Gramm. Drei Paar Wandersocken, die sich während der Trainingsläufe als unentbehrlich herausstellten, drei Unterhosen, drei T-Shirts, ein Kapuzensweatshirt, eine Jeans, eine superleichte Hose mit abnehmbaren Beinen und eine Legionärskappe, das ist eine Art Baseballkappe mit Ohren- und Nackenschutz, komplettierten die Bekleidungsabteilung.

 

Jetzt kamen noch die vielen kleinen nützlichen Dinge dazu. Unverzichtbare Kosmetikartikel wie Zahnbürste und Zahncreme, Kamm und Nagelknipser. Ein kleines Handtuch, Tempotücher, Rei in der Tube, Blasenpflaster und Creme, Naßrasierer, Rasierpinsel, Rasierseife, Sonnenschutz, Labello und zwei Minituben mit Duschgel.

 

Ein Klappmesser, drei Brillen, Kompass, Schrittzähler, Minilampe mit Ohrbügel ( mit Batterie 25 Gramm ! ), ein Diktiergerät, ein digitales Französisch-Wörterbuch, das auch spricht, ein gedrucktes Wörterbuch für alle Fälle, Kugelschreiber, Schreibheft, leichte Kopfhörer, Handy mit Ladegerät, Brieftasche, Adressbuch, eine kleine Tupperdose und eine CD-Schutzbox mit jeweils fünf leeren CDs und DVDs, um unterwegs Daten vom Laptop zu sichern.

 

Unter fünfzehn Kilo Gepäck kam ich nicht weg, das stand jetzt fest…

 

Ziemlich schnell wurde aus dem Vorsatz, einfach mal lange zu wandern, dabei meine Gedanken zu ordnen und dazu noch schöne Fotos zu machen, das Projekt Mallorca-Wanderung. Mehrere Zeitungen und Zeitschriften zeigten reges Interesse  an einer Reisereportage. 

 

Dann hatte ich die Idee meinen großen Lauf genau dort zu starten, wo ich vorher auch meine Flugreisen nach Mallorca begonnen hatte, nämlich am Abflugschalter der Fluggesellschaft Air Berlin in Düsseldorf. Wolfram Seifert verhalf mir zu einem Kontakt und ich wurde nach Berlin eingeladen. Der Vergleich einer Flugreise mit einer Fußreise gefiel den kreativen Köpfen in der Presseabteilung so gut, daß sie mich für das Bordmagazin der Air Berlin verpflichteten. Ich sollte eine große Reportage über meine Reise machen und außerdem auf offiziellen Fototerminen bei Abreise und Ankunft als Werbeträger fungieren. Man rüstete mich in Berlin großzügig mit Kappen und Poloshirts aus. Für die Berichterstattung sollte ich eine Gage erhalten, mit der ich die Reise finanzieren konnte. Man macht es sich nicht sofort bewußt, aber zu Fuß reisen ist wahrscheinlich die teuerste Art der Fortbewegung. Man muß essen und trinken, und jeden Abend eine Herberge finden. Und diese Reise würde siebzig Tage dauern…

 

Es galt noch einige ausrüstungstechnische Probleme zu lösen. Wichtig war, daß ich die Kamera vorn tragen konnte, damit ich sie immer griffbereit hatte. Dafür eine passende Tasche zu finden, die das gesamte Equipment bestehend aus Kameragehäuse, drei Objektiven und Blitzgerät aufnahm, erwies sich als unmöglich. Die Kamera hinten zu tragen war auch keine Alternative, da ich mir lebhaft vorstellen konnte, das ein ständiges Auf- und Absetzen des Rucksacks nicht gerade die Fotografierlust förderte. Und eine Tasche mit Schultergurt kam gar nicht in Frage, da sie unpraktisch ist und beim Laufen stört. Nach langem Suchen entschied ich mich, die einzelnen Komponenten zu trennen. Kamera und ein kleines Zusatzobjektiv trug ich in einer Tasche vor dem Bauch. Ein Tragesystem, das über Schultern und Rücken läuft, verhindert das die Tasche beim Gehen schlackert. Das größere Telezoom bekam einen extra Köcher, der am Beckengurt des Rucksacks gefestigt wird. Das Blitzgerät, das nicht so oft zum Einsatz kommen würde, fand seinen Platz im leicht zugänglichen Deckelfach des Rucksacks.

 

Unterwegs einen sicheren Zugang zum Internet zu bekommen war ein anderes Thema, das einen Ü-Fünziger schon mal an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringen konnte. Da ich von unterwegs in regelmässigen Abständen Berichte und Fotos an verschiedene Redaktionen schicken muß, und auch mal mit den Lieben daheim kommunizieren will, bin ich auf eine Internetverbindung angewiesen.  W-LAN, UMTS, HSDPA, GPRS, EDGE, Hot-Spots und Konsorten können einem das Leben schon schwer machen, vor allem, wenn man gar nicht richtig versteht, was das alles bedeutet. Als ich mir mein neues Laptop kaufte, sagte der freundliche Berater das es W-LAN fähig sei, was heißt, daß man ohne Kabel ins Internet kommt. Diese Tatsache beflügelte meine naiven Phantasien. An öffentlichen Plätzen wie Flughäfen, Bahnhöfen aber auch in Hotels sollte das Benutzen des Internets ohne Weiteres möglich sein. Ich habe es ausprobiert und siehe da, ohne das man sich ins Netz irgendwelcher Anbieter einwählt und dort zuerst einmal die Kreditkarten Nummer angibt, geht gar nichts. Im Novotel Neuss wollte man mir sogar 25 Euro für eine Tageslizenz zum Surfen berechnen.

 

Auch die anderen Systeme haben entweder Kinderkrankheiten, sind viel zu teuer oder nicht flächendeckend verfügbar. So werde ich wohl, wenn sich nicht noch eine wunderbare Fügung ergibt, unterwegs freundliche Mitmenschen fragen, ob ich für ein Stündchen ihr Internetkabel benutzen darf.

 

Die moderne Kommunikationstechnik empfinde ich öfter als Fluch denn als Segen. Um wieviel entspannter war das Leben doch, als man zu hause im Flur ein Telefon stehen hatte und, wenn es wirklich nötig war, die Wählscheibe drehte…

 

Neben diesen technischen Schwierigkeiten hatte ich aber immer noch ein viel grundlegenderes Problem : der richtige Schuh mußte her! Nachdem der Expertentip so gründlich daneben gegangen war, blieb mir wieder nur mein Paar Billigschuhe, zwar super bequem, aber potenziell unzuverlässig. Nachhaltig verunsichert wollte ich es nicht mehr wagen, die weite Strecke damit zu laufen. 

 

Ich fuhr nach Essen zu einem Spezial-Outdoor-Ausstatter. Noch nie in meinem Leben habe ich längere Zeit in einem Schuhgeschäft verbracht, als an diesem Nachmittag. Das Hobby vieler Frauen konnte ich jetzt noch weniger verstehen. Was um Himmels Willen soll Spaß daran machen, über Stunden ein Paar Schuhe nach dem anderen anzuprobieren? 

 

Zum guten Schluß fand ich ein Paar wasserdichte, atmungsaktive High-Tec Wanderstiefel. Und die mußten jetzt eingelaufen werden! Nach den ersten zwanzig Kilometern hatte ich mich endgültig damit abgefunden, daß sich die Füße den Schuhen anzupassen hatten und nicht umgekehrt… 

 

Jetzt sind es noch drei Wochen bis zum Start. Die Vorbereitungen haben sich zu einem Vollzeitprogramm entwickelt. Täglich steigt die Nervosität und ich würde lieber heute als morgen loslaufen…